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Meine Zwangsschwangerschaft ist ja schon eine Weile her (Muttergefühle Teil I und Teil II), es wird also Zeit, dass ich endlich wieder ganz Frau bin. Das findet zumindest eine Firma, deren Name ich hier nicht nennen werde, die mich aber freundlicherweise schon jetzt an einen wichtigen Pressetermin in der Landeshauptstadt erinnert.

“Save the date” betitelte Schreiben, also vorab-Erinnerungen an Einladungen, die noch nachgereicht werden, machen mich ja ohnehin misstrauisch. Was heute in einem halb-transparenten Din-A4-Umschlag und mit meinem Namen versehen im Redaktionsbriefkasten lag, beweist, dass ich mit meinem Misstrauen Recht habe.

“xxx-Woman wurde von Frauen für Frauen entwickelt, ist eindeutig für Frauen positioniert und erfüllt die Bedürfnisse von Frauen die Wert auf eine gesunde und ausgewogene Lebensweise legen.” Allein im ersten Satz wird fünf Mal das Wort “Frau” verwendet. An anderer Stelle ist außerdem von einer “Weltneuheit” ist die Rede und dass jede (ja, jede!) Frau es trinken sollte. Das könnten mir dann auch “verschiedene Experten” erläutern – ich müsse nur der Einladung folgen.

Worum es geht? Um ein “Blüten-Beeren-Pflanzensaft-Getränk”. Aber das spielt ja nicht wirklich eine Rolle. Was zählt ist das “neue Ich”, das in der Überschrift versprochen wird. Und irgendwie ist es ja auch nett, dass ich als Mann da mitmachen darf. Ihr könnt mich dann Loretta nennen.

In diesem Sinne, danke für die Einladung!

Kühlschrank – ganz privat

Als Anna mich das erste Mal in meiner Wohnung besucht hat, hat sie in meinen Kühlschrank geguckt – einfach so. Ich fand das schon ein wenig dreist. Ein Kühlschrank ist schließlich nicht einfach nur ein Ort, um Lebensmittel aufzubewahren. Ein Kühlschrank ist Teil der Persönlichkeit!

Es beginnt damit, dass man zu Hause auszieht und das erste Mal dauerhaft selbst dafür verantwortlich ist, was im Kühlschrank ist – und ob überhaupt etwas darin ist. Plötzlich steht man vor Fragen wie Aldi oder Rewe, Butter oder Margarine und Familienpackung oder Kleinstration.

Im Regelfall sind das keine essentiellen Fragen. Man muss die Entscheidung auch nicht ein für allemal treffen – und genau deswegen sagt unser Kühlschrank vielleicht mehr über unsere Persönlichkeit aus als manche Grundsatzentscheidung.

In Filmen schauen dauerbeschäftigte Großstadtsingles gerne aus dramaturgischen Gründen in den Kühlschrank. Die Kamera filmt die Protagonisten dann aus der Perspektive der nicht vorhandenen Lebensmittel, vorbei an einem leeren Jogurtbecher und irgendetwas Verschimmelten. Die Darsteller setzen dazu in der Regel einen überraschten bis erwartet-enttäuschten Blick auf. So als hätten sie mit einem leeren Kühlschrank zwar gerechnet, hatten aber unmöglich sicher sein können.

Statt zumindest die verschimmelten Reste zu entfernen, schließen sie den Kühlschrank anschließend wieder. Doch das ist gar nicht das Unrealistische an der dargestellten Situation. Völlig an der Wirklichkeit vorbei geht vielmehr, dass sie so tun, als wären sie überrascht, dass der Kühlschrank leer war.

Ich sage nicht, dass ein Kühlschrank seinen Besitzer nicht überraschen kann. Auch ich finde immer mal wieder Dinge, die ich aus einem spontanen Impuls heraus gekauft, in den Kühlschrank gelegt und dann vergessen habe. Zugleich habe ich aber eine ganze Reihe von Dingen, die eigentlich immer in meinem Kühlschrank liegen – tun sie es nicht, weiß ich das und sie werden sie früher oder später nachgekauft.

Dazu gehört zum Beispiel Orangensaft fürs Frühstück, Jogurt, Feta-Käse, kaltes (logisch) Bier, Pesto, Senf, Butter und einige, über die Jahre immer wieder variierende weitere Dinge. Manches davon kenne ich schon von Kindertagen an. Anderes habe ich irgendwann angefangen zu kaufen, gerade weil es fast nie im Kühlschrank meiner Eltern lag. Es gibt Sachen, die sind irgendwie nach Beziehungen hängen geblieben. Sie landen seitdem immer wieder in meinem Einkaufskorb, weil ich sie inzwischen selbst gerne esse. Wieder andere Dinge habe ich nach Nächten bei Freunden auf der Couch in mein Standard-Repertoire aufgenommen.

Wie sehr ein Kühlschrank eine Persönlichkeit widerspiegelt, zeigt sich für mich auch immer wieder dann, wenn ich meine Eltern besuche – eigentlich der einzige Ort außer meiner Wohnung, wo ich ungeniert einfach so an den Kühlschrank gehe. Über 20 Jahre war ich hier zu Hause. Stehe ich vor dem geöffneten Kühlschrank wird mir ganz deutlich bewusst, dass ich hier schon lange nicht mehr wohne.

Aus Anna und mir ist übrigens nichts geworden. Ich glaube nicht, dass es an meinem Kühlschrank lag. Zumindest nicht nur.

In diesem Sinne, viele Grüße an Annas Kühlschrank!

Hahn im Korb

Frauen sind anders. Und Männer auch. Und nein, das ist keine neue Erkenntnis.

Insgesamt habe ich drei Nächte in meinem Gefängniszimmer in Tarifa verbracht. Die erste mit vier weiteren Männern und einer Frau. In der nächsten Nacht war das Verhältnis zwei Männer zu vier Frauen. In Nacht Nummer drei war ich der Hahn im Korb – einziger Mann unter fünf Frauen.

Nacht Nummer eins war sehr entspannt. Zwar ist unter fünf Männern immer mindestens einer, der schnarcht (im Zweifel noch einer außer mir!). Doch wer sich auf Reisen für die günstige Unterkunftsvariante Mehrbettzimmer entscheidet, muss mit so etwas rechnen. Menschen machen nun einmal – bis auf wenige Ausnahmen – Geräusche, wenn sie schlafen. Manche mehr, manche weniger.

Es ist zudem äußert unwahrscheinlich, dass alle Hostelgäste zur selben Zeit ins Bett gehen. Selbst dass alle Gäste aus einem Zimmer dies gleichzeitig tun, ist eher die Ausnahme. Wer in Hostels übernachtet, ist einem intensiver genossenem Nachtleben in der Regel nicht abgeneigt. Mit der Folge, dass die ganze Nacht durch (und in Südspanien endet manche Nacht nicht vor 8 Uhr morgens) müde und oft mehr oder weniger angetrunkene Reisende über die Flure, in ihre Zimmer und in ihre Betten stolpern.

All dies galt in vollem Umfang für Nacht Nummer eins. Meinen Schlaf hat das nur wenig beeinträchtigt. Wenn ich reise, schlafe ich anders, situativer, glaube ich. Unbewusst nutze ich die leiseren Momente für besonders tiefe Tiefschlafphasen. Mein Körper stellt sich da in der Regel binnen zwei, drei Nächten unterwegs um. Mehrbettzimmer sind zudem keine neue Erfahrung für mich. In meinem bisherigen Reiseleben habe ich in genug davon geschlafen und sogar zwei Jahre nebenbei als Nachtportier in einem Hostel in Berlin gearbeitet (in dieser Zeit durfte ich allerdings nicht schlafen).

Der Vorteil von Männer-dominierten Zimmern mit leichtem Frauenanteil wie in Nacht Nummer eins ist, dass sich die Männer dann Mühe geben, nicht zu männlich-sauig zu werden. Schließlich wollen sie die Frauen nicht verschrecken. Das sorgt für eine gewisse Grundordnung. Davon profitieren unterm Strich alle Zimmerbewohner.

Frauen sind da anders, zumindest wenn sie zu mehreren unterwegs sind. Frauen haben kein Interesse daran, den Männern im Zimmer durch einen besonderen Hang zur Ordnung positiv aufzufallen. Das zeigte Nacht Nummer zwei. In dieser Nacht habe ich das Zimmer mit einem Argentinier, einer Italienerin und drei Irinnen geteilt. Letztere mag ich besonders gern, denn sie sind der Beweis für meine Theorie.

Binnen nicht mal einer Stunde hatten sie das kleine Zimmer in einen begehbaren Kleiderschrank verwandelt. Meinem Bett fiel dabei die Rolle des Kleiderständers zu, auf dem sie die aktuelle Kollektion präsentierten, anpassten und dann doch wieder verwarfen. Sehen konnte ich das allerdings erst, nachdem ich über einen Berg von Koffern und Taschen geklettert und zudem diverse Schminktaschen zur Seite geschoben hatte.

Nachts wurde das Zimmer dann zur Telefonzelle. Zwar ließen die Irinnen, als sie einigermaßen angetrunken (vermutlich hatten sie einen Ruf zu verlieren) zurück kamen, das Licht aus – eine ungeschriebene Hostelregel. Nur hinderte sie es nicht daran, sich erst untereinander recht laut zu unterhalten und anschließend noch ihre jeweiligen Freunde anzurufen. Zumindest das Gespräch von einer kann ich recht gut wiedergeben, weil sie ihr Handy aus Versehen auf laut gestellt hatte. Viel Inhalt hatte es allerdings nicht. Gut zehn Minuten lang wiederholte sich nur folgende Konversation wieder und wieder und wieder:

Irin (betrunken): Where are you?
Freund (müde): I’m at home.
Irin (betrunken): Whaaaat? Didn’t unterstood you. Where are you?
Freund (müde): I’m at home.
Irin (betrunken): Sorry, not understanding you. So, where are you?
… 

Selbst dem zweiten Mann im Zimmer, der sich zunächst noch sehr lautmalerisch über die neuen Zimmergenossinnen gefreut hatte (zwei Hände leicht gewölbt vor der Brust, breites Grinsen, lautes “Oh yeah!”) dürfte irgendwann der Spaß vergangen sein.

Schade eigentlich, dass er Nacht Nummer drei nicht mehr mitbekommen hat. Da waren außer ihm auch die Irinnen abgereist und ich durfte mir das Zimmer mit gleich fünf Frauen teilen, einer Amerikanerin und vier (zwei davon alleinreisenden) Italienerinnen. Allesamt ohne Drang zur Modenschau, aber sehr nett, rücksichtsvoll und unkompliziert. Frauen sind eben anders. Manchmal auch anders als andere Frauen.

In diesem Sinne, ciao und goodbye!

Shawna

Travellerweisheit I: Wenn Du in einer Bar irgendwo in Madrid eine andere Backpackerin kennenlernst, kann es gut sein, dass Du laengst ein Zimmer mit ihr teilst.

Ich habe Shawna in einem kleinen Tapas-Restaurants ein paar Strassen abseits des Puerta del Sol getroffen. Ich hatte dort am spaeten Nachmittag gegessen und wollte eigentlich nur noch einen Absacker trinken. Irgendwie sind wir trotzdem ins Gespraech gekommen.

Shawna ist aus Colorado und seit ein paar Wochen in Europa unterwegs. Ihr Traum: in Europa ein Hostel oder einen kleinen Laden eroeffnen, irgendetwas, das mit Reisen zu tun hat. “Wenn ich in Europa wohnen wuerde, waere ich jedes Wochenende unterwegs”, erzaehlte sie auf Englisch. “In Europa ist alles so nah beieinander, man kann mal eben uebers Wochenende in ein anderes Land fahren”, sagt sie. Dass die wenigsten Europaer das tun, kann sie nicht verstehen.

Wir unterhalten uns ziemlich lange. Als folgten wir einem ungeschriebenen Traveller-Codex wechseln wir immer wieder zwischen dem allgemeinen Blabla – wo warst Du schon, kennst Du eine gute Unterkunft in, ist Dir in xy auch passiert – und persoenlichen Themen hin und her.

Der Kellner, ein kleiner Bolivianer, hat mich inzwischen von meinem Besuch am Nachmittag wiedererkannt. Er spendiert uns eine Runde aufs Haus und empfielt dringend am naechsten Tag wiederzukommen. Dann haetten sie sogar deutsches Bier.

Wir haben schon gezahlt, als Shawna und ich ueber unsere Unterkunft in Madrid sprechen. Die selbe Strasse, stellen wir fest, ja sogar das selbe Hostel – und das selbe Mehrbettzimmer. Manche Zufaelle sind so komisch, dass man sie als unrealistisch abtun wuerde, wenn sie in einem Filmdrehbuch stattfinden wuerden.

In diesem Sinne, gute Nacht Shwana!

Nackt duschen

Ich wurde belästigt. Das heißt, eigentlich wurde ich nicht wirklich belästigt, trotzdem war die Situation schon etwas kurios.

In meinem Fitnessstudio gibt es Männer- und eine Frauenduschen, die sich jeweils an die Männer- und die Frauenumkleiden anschließen. Die Männerdusche ist für Männer, während die Frauendusche für Frauen gedacht ist. Ich schreibe das so explizit, weil es für die Geschichte durchaus entscheidend ist.

Nachdem ich gestern zwei Stunden trainiert hatte, ging ich jedenfalls in die Männerumkleide, um mich auszuziehen und aus meinem Spind ein Handtuch, Duschgel und Shampoo zu holen. Damit bewaffnet ging ich nackt weiter in Richtung Männerduschen, die ein wenig an eine Duschen bei der Bundeswehr oder aber an Gefängnisduschen erinnern: ein Raum der zu einer Seite hin offen ist, während an den übrigen drei Wänden jeweils mehrere Duschköpfe hängen.

Ich war allein, zumindest die ersten ein, zwei Minuten. Dann kam die weibliche Fitnessstudio-Angestellte in die Dusche und begann, während ich noch duschte, emsig den kleinen Bereich vor den Duschen zu wischen. Das fand ich dann doch komisch. Einmal, weil ich den doch ohnehin gleich wieder nassmachen würde. Zum anderen, weil ich mich in diesem Moment gefragt habe, wie die Situation wohl seitenverkehrt gewesen wäre.

Ich gehe davon aus, dass die freundliche junge Frau schon öfter einen nackten Mann gesehen hat. Allerdings bin ich auch ziemlich sicher, dass die männlichen Fitnessstudio-Angestellten wissen, wie eine Frau ohne Kleidung aussieht. Trotzdem gehe ich davon aus, dass es einen ziemlichen Aufschrei unter den weiblichen Sportlerinnen gegeben hätte, wenn einer der Männer angefangen hätte, den Boden zu wischen, während sie unter der Dusche stehen.

Geschrieen habe ich nicht. Ich habe sogar ein paar freundliche Worte mit der Mitarbeiterin gewechselt, nachdem sie den Boden gewischt hatte. Ich habe nämlich nachgesehen: alles noch da – sie hat mir nichts weggeguckt. Komisch war es trotzdem.

In diesem Sinne, morgen bin ich übrigens wieder beim Sport …

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