Tag Archive for 'Entscheiden'

Machtspielchen

Ich werde Drogenbaron. Zumindest dann, wenn es mir nicht gelingt, amerikanischer Präsident, Bundeskanzlerin oder Papst zu werden. Die stehen nämlich laut Forbes-Liste der mächtigsten Menschen der Welt noch vor Joaquín Guzmán, einem mexikanischen Drogenmagnaten. In der Liste hat er es aber immerhin auf Platz 39 geschafft – als Kriminelle sind nur Osama bin Laden und Silvio Berlusconi erfolgreicher. Mit beiden wollte ich nicht tauschen.

Für seine Liste hat das Forbes-Magazine eine ganze Reihe von Faktoren berücksichtigt. Geld, politischer Einfluss, etc. Eine Frage bleibt allerdings unbeantwortet: Nämlich die, warum der Mensch eigentlich nach Macht strebt. Was haben wir davon, wenn unser Handeln Millionen Menschen beeinflusst? Oder wenn wir zumindest im kleinen Rahmen bestimmen können, wo es langgeht?

Machtspielchen gibt es überall. Sie bestimmen unser Leben mehr als wir uns eingestehen wollen. Wer es nicht glaubt, braucht sich nur für ein paar Minuten hinter das Steuer eines Autos im Feierabendverkehr setzen. Lauter kleine Hilfspolizisten, deren größte Freude es ist, andere Verkehrsteilnehmer gemäß ihrer Interpretation der StVO zu erziehen. Wie berauschend das Gefühl, den vermeintlichen Vorbei-Schummler an der Spurverengung in die Schranken zu verweisen – welch herrliches Gefühl von Macht.

Schlimm sind Machtspielchen in Beziehungen. Besonders dann, wenn sich beide als die Unterlegenen fühlen und es aus dieser Warte nur recht und billig scheint, mit unlauteren Methoden die Macht zu ergreifen. Macht bedeutet dann vor allem, oben und nicht unten zu sein. (Vielleicht sogar im sexuellen Sinn).

Ich persönlich finde Machtspielchen eigentlich eher anstrengend (auch im sexuellen Sinn). Macht bedeutet mir nichts. Aber ehe jemand anderes mir sagt, wo es lang geht, bestimme das dann doch lieber selbst. In so fern ist ein bisschen Macht dann doch wieder nicht schlecht. Naja, wie gesagt, am besten werde ich Drogenbaron. Oder Bundeskanzlerin.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Untenliegen!

Infektionsgefahr

Ob es ansteckend ist? Oder gar vererblich? Ich jedenfalls fange an, mir Sorgen zu machen. In den nächsten eineinhalb Monaten bin ich zu drei Hochzeiten eingeladen. Ich denke, das ist Rekord. Vergangenes Jahr habe ich zwölf Monate gebraucht, um auf diese Zahl zu kommen. Die Epidemie scheint immer schneller um sich zu greifen. Vermutlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch ich mich anstecke.

Zugegeben, so verwunderlich wäre es nicht. Ich werde in fünfeinhalb Monaten 30. Ein nicht ungewöhnliches Alter, um zu heiraten. Meine Schwester, Schuld an einer der drei Hochzeiten (sie ist die Braut), ist sogar vier Jahre und einen Monat jünger als ich. 

Als Kind habe ich immer gedacht, so etwas wie Karriere, Hochzeit und Erwachsen-Werden würde irgendwann automatisch passieren. So wie man irgendwann die Masern bekommt. Heute frage ich mich, ob das nicht ein wenig kurzsichtig gedacht war.

Für eine Karriere muss man arbeiten und erwachsen wird man nur, wenn man sich bewusst auf dieses Abenteuer einlässt. Es wäre also nur konsequent, wenn auch die Frau fürs Leben nicht einfach plötzlich vor der Tür stände.Vielleicht reicht es nicht, sich einfach nur zu verlieben? Vielleicht muss man explizit nach der zukünftigen Ehefrau suchen?

In diesem Sinne, Masern hatte ich nie – doch was heißt das schon?

Dorfleben

Ich bin jetzt runter auf 700. Angefangen hatte ich bei 3,5 Millionen. Der Ort, in dem ich jetzt lebe, hat also nur ein 5000′tel (in Worten: ein Fünftausendstel) der Einwohner von Berlin – mich mitgerechnet. Ich habe für diese Verkleinerung gerade mal neun Monate und fünf Umzüge gebraucht. Das Verrückte daran: Ich finde das gar nicht mal so schlecht.

2009-04-04-dorfleben

Ich genieße es zum Beispiel, am frühen Abend auf meinem Balkon zu stehen (was ich dann sehe, seht Ihr oben, anklicken erlaubt). Das Joggen konnte ich heute morgen direkt vor der Tür beginnen, denn dort ist das Dorf zu Ende und die Felder und Äcker beginnen. Die Luft riecht angenehm würzig und klar. Gleich zwei Treckern musste ich bei meiner Laufrunde ausweichen. 

Außerdem habe ich einige Jugendliche getroffen. Sie dürften so um die 15 Jahre alt gewesen sein. Statt eines Hip Hop streuenden Handys trugen sie allerdings Musikinstrumente. Außerdem hatten sie seltsame Trachten an und grüßten artig, als ich an ihnen vorbei lief. (Im Internet habe ich später herausgefunden, dass sie offenbar zur örtlichen Kapelle gehörten, daher die Trachten. Die beiden übrigen nennenswerten Vereinigungen im Dorf sind übrigens die Freiwilligen Feuerwehr und die Fastnachts-Gruppe “Die Klosternarren”.) 

2008-04-04-baumIn Berlin war das anders. Da hatte ich keinen Balkon. Statt dessen konnte ich aus meinem Fenster auf den anderen Seitenflügel und in den Innenhof gucken. Lange Zeit stand hier ein einzelner Baum, bis er irgendwann umgeweht wurde und dabei eine Scheibe einschlug. Danach gab es keinen Baum mehr. 

Gejoggt bin ich in Berlin normalerweise auf einem Sportplatz. Zu dem musste ich allerdings erstmal etwa einen Kilometer über Bürgersteige und an Kinderwagen schiebenden Müttern vorbei laufen. Die Luft war dabei höchstens erfüllt von Abgasen, und im Winter hat man die immer noch aktiven Kohleöfen gerochen – meine eigene Ofenheizung eingeschlossen.

Ja, man sollte meinen, jetzt ist alles besser, und ich bin endlich angekommen. Stimmt, sage ich. Allerdings habe ich den entscheidenden Faktor, warum es mir hier so gut gefällt, noch gar nicht genannt: Weil ich in drei Monaten wieder wegziehen werde. Ich genieße das Dorfleben – weil ich weiß, dass es nicht für immer ist.

In diesem Sinne, einmal Großstadt – immer Großstadt?

Unendliche Möglichkeiten

Der Durchschnittsberliner zieht einmal im Jahr um. Das sagt die Statistik. Zudem lässt sich die Wanderlust der Berliner leicht an den Klingelschildern nachvollziehen: dutzendfach überklebt lässt sich an der Dicke der Aufkleberschicht erahnen, wie viele Bewohner die dazugehörige Wohnung in den letzten Jahren ihr eigen genannt haben.

Vermutlich könnte man durch geschicktes Abkratzen einiges über die Geschichte eines Hauses erfahren, doch der will das schon. Der Berliner guckt schließlich nach vorne. Umziehen vielleicht nicht als Hobby, aber eben doch als die stete Suche, ob es irgendwo anders nicht etwas besseres gibt: heller, zentraler, hipper.

Ich habe das Gefühl, bei Beziehungen läuft das manchmal ganz ähnlich.

Es mag eine Krankheit der heutigen Zeit sein, vielleicht liegt es auch an meiner selektiven Wahrnehmung, aber es kommt mir so vor, als würde dem Durchschnittsberliner nicht nur die Seßhaftigkeit in Bezug auf sein Habitat schwerfallen, bei der Partnerwahl scheint das ganz ähnlich zu sein.

Zwar ist die jeweils aktuelle Beziehung, sofern sie denn überhaupt als solche definiert wird, nicht schlecht, aber bevor man dann alle Kisten auspackt, Bilder aufhängt und sich häuslich einrichtet guckt man sich eben doch noch einmal um, ob es nicht ein paar Straßen weiter vielleicht noch etwas gibt, das doch noch einen Tick besser (hübscher, cooler, passender) ist. Dass diese ständige Suche ein Einleben schwer, wenn nicht unmöglich macht, scheint dabei weitestgehend akzeptiert zu sein.

Eigentlich ist es traurig: Die Unendlichkeit der Möglichkeiten, nicht bei der Wohnungs- und Partnerwahl, sondern insgesamt, lässt uns im halb-und-halb verharren; wir wollen uns weder für das Eine noch gegen das Andere entscheiden und kriegen so letztlich keins von Beiden. Ob manchmal weniger Möglichkeiten angenehmer wären?

In diesem Sinne, frohes Entscheiden!