Egomanie

Ich habe gerade der Twitter-Welt mitgeteilt, was ich im Fernsehen gucke (“L.A. Confidential”). Vielleicht werde ich es auch noch bei Facebook posten. Ob das jemanden interessiert? Keine Ahnung. Darum geht es ja auch nicht wirklich – oder doch?

Früher musst man erst einen Zuhörer für seine Geschichten finden, meist auch noch einen Aufhänger. Man kann schließlich nicht einfach so loslegen und erzählen, was für ein toller Typ man ist. Heute geht das. Man braucht auch keine Zuhörer mehr, sondern bläst seine Geschichten einfach so in die Welt, ob nun via Blog, als Kurzversion per Twitter oder im sozialen Netzwerk.

Wenn ich der Menschheit mitteile, was ich gerade im Fernsehen gucke, formuliere ich damit im Endeffekt ein Bild von mir. Ob das stimmt ist zweitrangig, es zählt der Eindruck, den ich damit hinterlassen möchte und die Hoffnung, dass mir eben das gelingt. Lese ich, was meine Mitmenschen so von sich geben, unterstelle ich ihnen das selbe. Ich kann gar nicht anders – denn gerade weil ich sie kenne, weiß ich, dass was sie eigentlich mitteilen möchten, zumindest bei einigen.

Das Internet ist ein großartiger Ort für Selbstdarsteller und für alle, die es noch werden wollen. Die Frage ist allerdings, wie viel Selbst hinter der Darstellung eigentlich noch übrig bleibt.

In diesem Sinne, Bud hat mir alles über Sie erzählt!

Virtuell ich

2009-07-20 VerbindungenPlötzlich stand sie vor mir. “Das ist S.”, sagte mein Bekannter. Ich sagte gar nichts. Dabei war es ja nicht so, dass ich sie jetzt zum ersten Mal sah. Nur ist es eben doch etwas anderes, auf Facebook und Co Fotos von jemanden zu betrachten als ihm oder ihr in Wirklichkeit zu begegnen.

S. jedenfalls sah ihrem fotografischen-Ich recht ähnlich. Sie war etwas kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte, doch dass das Kameraauge hier oft täuscht weiß man schließlich nicht erst seit Tom Cruise. Ihre Stimme allerdings, die nun artig “Hallo” sagte, klang dann aber doch arg viel anders als in meiner Vorstellung. Auch das was sie sagte schien so gar nicht zu dem zu passen, was ich ihr ob ihres Profils im sozialen Netzwerk gerne in den Mund gelegt hätte.

Sagen konnte ich ihr das natürlich nicht. Die meisten Menschen, die behaupten, noch nie ihren Schwarm, einen potenziellen Partner oder auch den oder die Ex gegoogled zu haben, lügen, da bin ich sicher. Trotzdem ist es denkbar ungeschickt, das gegenüber dieser Person auch zuzugeben.

Ob sie meinen Namen auch einmal in das Suchfeld eingegeben hatte? Oder beim Stöbern in der Freundesliste unserer gemeinsamen Freundin an meinem Profil hängen geblieben war? War ich möglicherweise auch ganz anders als sie erwartet hatte, nachdem sie mein Profil gemustert und vielleicht sogar mein Blog überflogen hatte?

Das Faszinierende und Unheimliche an sozialen Netzwerken und sonstigen Web-Identitäten ist ja gerade, dass der Maßstab fehlt, an dem man das dort gezeichnete Bild messen könnte. Es ist also nur menschlich, dass wir uns hier so toll wie irgend möglich präsentieren - wo es doch (erstmal) niemanden auffällt, wenn wir dafür das eine oder andere aufbauschen oder auch weglassen (ich sage bewusst nicht: “lügen”!).

Selbst Alben mit Titel wie “Me, myself and I” sind da nur bedingt komisch, wo sie doch vor allem für junge Frauen eine tolle Möglichkeit bieten, der “Was zieh ich nur an”-Frage dadurch zu entgehen, dass sie einfach alles einmal anziehen und sich damit ablichten lassen. Frei nach dem Motto: Ein Outfit wird dem potenziell-Zukünftigen schon gefallen.

Das gilt sogar, wenn man beim ersten Date falsch lag. So blöd es klingt, als ich mir S. Profil nach unserer eher enttäuschenden ersten Begegnung im wahren Leben noch einmal angeguckt habt, war ich kurz davor meine Enttäuschung wieder zu vergessen und ihr noch eine Chance zu geben, so gut gefiel mir ihr virtuelles Ich.

In diesem Sinne: Es wäre vielleicht übertrieben zu sagen, das Internet hat den ersten Eindruck getötet. Ganz falsch ist diese Einschätzung aber auch nicht.

Der Doppelgänger

Sollte das mit dem Journalismus irgendwann nicht mehr funktionieren, dann werde ich Doppelgänger. Die meisten meiner Leser wird das nicht sonderlich überraschen, ist diese Entscheidung doch naheliegend.

Seit vier oder fünf Jahren werde ich regelmäßig angesprochen. Meist fängt es mit einem Blick an, dann platzt es aus den Menschen heraus. “Du siehst aus wie Bully Herbig“, sagen sie, “und Du lachst auch genau so der.” In Thailand hat sich sogar mal jemand mit mir fotografieren lassen. Nach ein paar Bier war er der Meinung gewesen, mit den Aufnahmen könne er zu Hause angeben. 

Ich nehme diesen Vergleich nicht sonderlich ernst. Trotzdem erwische ich mich manchmal dabei, wie ich genauer hinsehe, wenn Michael Herbig im Fernsehen auftritt. Irgendwoher müssen die Leute ja auf den Vergleich kommen. Ist es eine rein äußerliche Ähnlichkeit, die nur mir nicht direkt ins Auge springt? Oder bewege ich mich vielleicht auf eine ähnliche Art und Weise? Haben wir gar eine vergleichbare Ausstrahlung?

Michael “Bully” Herbig Schauspieler. Es ist sein Job, eine Rolle zu spielen. Und ja, ich gebe zu, er ist gut darin. Körpersprache, Mimik, Ausdruck – er kann das. Fast hätte sogar ich ihm die Rolle abgenommen.

Trotzdem will mir diese Frage nicht aus dem Kopf. Seit vier oder fünf Jahren spukt sie nun schon durch mein Hirn. Es wird Zeit, dass sie gestellt wird: Wieso hat sich Herr Herbig ausgerechnet mich als Rolle ausgeguckt? 

In diesem Sinne, schönen Gruß auch!

Un-cool

Sie stehen in Fußgängerzonen, vor Einkaufszentren und auch gerne in der Nähe von Universitäten. Oft tragen sie auffällig grelle Jacken, und meist sind sie zu mehreren, denn das erschwert ihren Opfern die Flucht.

Ihre Waffe sind kleine, bunte Zettel, die sie mit einem gekünsteltem Lächeln unter die Leute zu bringen versuchen. Normalerweise weiche ich Ihnen aus, heute wäre das allerdings nicht mal nötig gewesen. 

Es war in Friedrichshafen, irgendwo in der Fußgängerzone. Ich hatte gerade eine Jeans gekauft, als ich das Promo-Team sah. Sie waren zu viert, zwei Jungs, zwei Mädels. Sie standen leicht versetzt, so dass sie die gesamte Breite der Einkaufsstraße abdecken konnten. “Party” stand in großen, schreienden Lettern auf den Flyern, von denen jeder der vier einen Packen in der Hand hielt.

Was sonst noch auf dem Flugblatt stand, weiß ich nicht. Zwar musterten mich gleich zwei der vier Flyer-Verteiler, beide entschieden sich aber nach kurzem Überlegen dafür, mich zu ignorieren. Offenbar zählte ich nicht zu ihrer Zielgruppe. Ich gebe zu, das irritierte mich, denn es war eine neue Erfahrung.

War ich zu alt? Nicht cool genug? Traute man mir “Party” schlicht nicht zu? Fast war ich versucht stehenzubleiben, um zu beobachten, wer wohl statt dessen in den Genuss der kleinen, bunten Zettel kam. 

Ich habe es mir verkniffen. Schließlich wäre das erst recht uncool gewesen. Außerdem bin ich mittlerweile nun einmal 29 – ein gutes Alter also, um sich über derartige Dinge keine Gedanken mehr zu machen. Da gibt es wichtigeres, sagte ich mir und war damit so beschäftigt, dass ich fast vor das grellbunte Plakat gelaufen bin, dass etwas schief an einem Laternenmast hing.

“Party” stand darauf in mir wohlbekannten großen, schreienden Lettern. Darüber und etwas kleiner: “Ü-30″.

In diesem Sinne, der erste Gedanke ist wohl nicht immer der Beste!

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...