Tag Archive for 'Desillussionierend'

Einmal “Leben”

“Einmal Leben”, sage ich. Hier war die Schlange am kürzesten. Wenn ich den Prospekt etwas eingehender studiert hätte, hätte ich gewusst warum.

Unter all den Auswahlmöglichkeiten des himmlischen Vergnügungsparks war “Leben” mit Abstand die unbeliebteste. Selten standen die Leute länger an als bis zu dem Schild “Wartezeit ab hier: 15 Minuten”. Kein Wunder: Ein Zuckerschlecken ist das Leben als Erdenmensch nicht gerade.

Als kleines Kind war ich überzeugt, dass nach dem Leben entweder Himmel oder Hölle auf die Menschen warten. Aber wer sagt eigentlich, dass wir nicht längst in dem einen oder dem anderen sind? Oder dass das Leben wirklich nichts weiter ist als ein Karussell in einem himmlischen (oder teuflischen) Vergnügungspark? Irgendwo zwischen Superachterbahn und Geisterschloss.

Kein System kann sich selbst vollständig analysieren – genau so wenig wie man sich selbst an den Ohren aus dem Moor ziehen kann. Immer wenn wir versuchen die Grenzen unseres Denkens zu erschließen, scheitern wir an denselben. Hin und wieder sollten wir beim Denken daran denken.

In diesem Sinne, noch mal Leben, bitte!

Große Schatten

Große Ereignisse werfen große Schatten voraus, glaubt der Volksmund zu wissen. Der Volksmund irrt. Große Ereignisse kommen meist gegen die Sonne – Schatten werfen sie höchstens nach hinten.

Ich habe ihn nur ein paar Mal gesehen. Zwar hat er im selben Gebäude, aber in in einer anderen Redaktion gearbeitet. Von seiner abendlichen Mountainbike-Tour habe ich daher erst sehr spät erfahren. Er war die Strecke durch den Wald wohl schon etliche Male gefahren. Niemand hätte damit gerechnet, dass sie dieses Mal sein Leben verändern würde – am wenigsten wohl er selbst.

Der Sturz kam aus heiterem Himmel, trotzdem endete er mit einer bösen Rückenverletzung, in deren Folge er nun – vorerst? für immer? – vom Brustwirbel abwärts gelähmt ist.

Vielleicht liegt es in der menschlichen Natur, dass wir meinen, bedeutende Veränderungen bedürften einer entsprechend großen Vorankündigung. Dabei passieren die meisten wirklich einschneidenden Dinge fast immer dann, wenn wir gar nicht damit rechnen.

Nicht beim Extremsport brechen wir uns die Beine, sondern wenn wir mal eben zu Hause ein Bild aufhängen oder zum Briefkasten gehen. Nicht bei der Recruiting-Messe finden wir den Traumjob, sondern im Fahrstuhl auf dem Weg zur Toilette. Und die Mutter unserer Kinder läuft uns nicht bei der wochenlang geplanten Party über den Weg, sondern wenn wir morgens völlig verkatert die Bahn ins Büro verpasst haben und totmüde auf den nächsten Zug warten.

Es liegt in der menschlichen Natur, vermeintliche Vorzeichen zu suchen. Wir glauben, unser Leben würde einer gewissen Systematik folgen. Indem wir logische Kausalketten konstruieren, reduzieren wir die Komplexität der Welt auf ein erträgliches Maß. Tief in uns drinnen wissen wir aber, dass das Augenwischerei ist. Die wirklich wichtigen Dinge – ob gut, ob schlecht – die passieren meistens dann, wenn wir sie am wenigsten erwarten.

In diesem Sinne, mal sehen, wo dieser Abend endet!

Erfinderhormone

Den Motor hatte ich ziemlich wahllos platziert. Auf meinem Blatt Papier klebte er etwas schief zwischen Vorderachse und vorderer Stoßstange. Kolben, Zündkerzen, Kühlung – im Großen und Ganzen war alles da.

Ob es auch wirklich zusammenpasste, war mir nicht so wichtig. Welcher Großkonzern würde sich schon mit solchen Kleinigkeiten aufhalten, wenn ich, immerhin schon stolze achteinhalb Jahre alt, das erste unsichtbare Auto der Welt präsentierte? Das Geheimnis: perfekt angeordnete Spiegel.

Als Kind war ich ein leidenschaftlicher Erfinder. Ich konstruierte nicht nur unsichtbare Autos, sondern auch ausfahrbare Rolltreppen in Spazierstöcken, tiefseetaugliche U-Boote und unkaputtbare Fahrradbremsen. Akribisch wurde jede meiner Erfindungen in einem kleinen, gelben Ringbuch festgehalten. Schnell reihte sich hier Konstruktionsplan an Konstruktionsplan – einer genialer und ausgeklügelter als der andere.

Ich gebe zu, ich habe damals wirklich geglaubt, ich könnte diese Ideen irgendwann umsetzen. Erfinder schien mir, neben Schriftsteller und Journalist, ein recht reizvoller Beruf zu sein. Einerseits rausgehen, die Welt entdecken und darüber schreiben, andererseits tagelang im stillen Kämmerchen sitzen und vor sich hinbasteln. Konnte es etwas Schöneres geben?

Dass sich dieser Plan nicht so einfach verwirklichen lassen werden würde, wurde mir mit dem Einsetzen der Pubertät klar. Für ein Kind ist es leicht, zu träumen. Mit den Hormonen kommt allerdings früher oder später die Selbsterkenntnis: So einfach ist das alles nicht. Egal wie genial ein Plan ist, man kann trotzdem damit auf die Nase fallen. Das gilt auch und vielleicht gerade für unsichtbare Autos.

In diesem Sinne, jemand Interesse an einem fliegenden Bleistift?

PS: Diese Eintrag soll mir den Kopf retten – mehr Infos hier.

Wiederholung zwecklos

Es wird kein Sommermärchen geben. Nicht mal dann, wenn wir Weltmeister werden. Das Leben mag nämlich keine Wiederholungen. Wir Menschen dagegen schon. Darum suchen wir auch vergeblich den Geist von 2006 – und darum werden wir ihn nicht finden.

Ich muss 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein, in jedem Fall mitten in der Pubertät. Meine Eltern, meine Schwester und ich waren nach Südfrankreich gefahren. Sommerurlaub mit Wohnwagen und Zelt. Der Campingplatz war war recht weitläufig und direkt am Meer gelegen. Es gab ein kleines Platz-Zentrum mit einem Café und einigen Geschäften, in denen man französischen Wein, französische Bücher und Handtücher kaufen konnte.

Der Campingplatz selbst war sehr groß und weitäufig – und ich somit nicht der einzige hochgradig pubertärer Teenager vor Ort. Sobald es dunkel wurde, traf man sich am Strand. In größeren oder kleineren Grüppchen saß man zusammen, trank französischen Wein aus dem Campingplatz-Laden und machte, was Jugendliche in dem Alter nun einmal machen. Für mich war es der bis dahin bester Sommerurlaub überhaupt.

Zwei Jahre später fuhren meine Eltern, meine Schwester und ich wieder nach Südfrankreich. Schon Wochen vorher fieberte ich dem Urlaub entgegen. Noch größer wurde meine Freude, als ich vor Ort die ersten alten Bekannten wiedertraf. Am Ende war es nicht ganz, aber immerhin zum Teil die alte Gruppe.

Wir sprachen viel über jenen scheinbar magischen Sommer von vor zwei Jahren. Wir hatten uns alle auf eine Wiederholung gefreut. Um so schmerzhafter war die Erkenntnis, die sich nach und nach durchsetzte: auch wenn wir die selben Dinge taten, die selben Lieder hörten und die selben Wege gingen – eine Wiederholung war schlicht nicht möglich.

Man kann nicht zwei mal an denselben Ort reisen. Damals war das für mich eine neue Erkenntnis, heute bin ich schlauer. Ein Urlaub kann genau so gut werden, aber niemals gleich gut.

Im normalen Leben ist das übrigens nicht anders, nicht nur, wenn es um die Fußball-WM geht. Eine alte Liebe kann genau so wie eine alte Freundschaft nur neu entdeckt, aber niemals wiederholt werden. Alles andere führt nur zu einer aufgewärmten Suppe, die niemandem schmeckt.

In diesem Sinne, auf ein erfolgreiches Achtelfinale!

Einmalig

Bei diesem Eintrag geht es um meinen Kopf – im wahrsten Sinne des Wortes. Selbigen möchte mir eine Kollegin nämlich abreißen, wenn ich ihre Vorschläge nicht umsetze. Mich rührt das. Sie war nämlich die erste, die mir geschrieben hat, nachdem ich geklagt hatte, leergeschrieben zu sein.

Ich habe also nicht wirklich eine Wahl – mal abgesehen davon, dass mir die Vorschläge eigentlich ganz gut gefallen. Und weil sie mir Angst machen. Die meisten davon hatte ich nämlich ohnehin schon in meinem Notizbuch für spätere Veröffentlichung verewigt – oder habe sie sogar schon umgesetzt, bevor ich sie von besagter Kollegin geschickt bekommen habe (Wohnen im Erdgeschoss – was ein Spaß, warum sind immer meine Nachbarn laut, usw.)

Wir meinen immer, etwas Besonderes zu sein. Unsere Probleme sind anders als die der Anderen, unsere Gedanken spezieller, unser Leben einmalig. Und trotzdem gibt es praktisch nichts, was google nicht findet. Zu jeder noch so seltsamen Idee hat längst irgendwer ein Forum oder eine Homepage initiiert und selbst zu jeder noch zu abstrusen Fragestellung gibt es ein “Gutefrage.net”, ein “Fragenohneantwort.net” oder einen Eintrag bei “Fragr.de”.

Verabschieden wir uns also von dem Gedanken, einzigartig zu sein – und sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Wir sind nicht allein! Und einzigartig schon gar nicht.

In diesem Sinne, trotzdem danke, liebe Vorschlägerin!

PS: Trotzdem wird natürlich der eine oder andere Vorschlag der Kollegin in nächster Zeit hier umgesetzt – es geht schließlich um meinen Kopf!  Ebenso die anderen guten Ideen, die Ihr mir geschickt habt. An dieser Stelle daher noch mal ein herzliches Dankeschön!

Leergeschrieben

Eigentlich sollte es in diesem Eintrag um Zufälle gehen – und zwar vor allem um solche, die nicht passieren.

Wie oft etwa gehen wir eine Minute zu früh oder spät aus dem Haus und begegnen deshalb nicht einer bestimmten Person? Wie oft entgehen wir schlimmen Unfällen, weil unser Schnürsenkel offen – oder eben nicht offen war?

Eben solchen Fragen wollte ich nachgehen – bis mir einfiel, dass solch ein Eintrag längst existiert: “Gewürfelte Welt“, geschrieben im September vor zwei Jahren.

Das passiert mir in letzter Zeit immer öfter. Ich habe einen Gedanken, notiere ihn in meinem Notizbuch, und wenn ich mich dann ans Aufschreiben machen möchte, stelle ich fest, dass ich das längst getan habe – meist schon vor Monaten oder gar Jahren.

Felix’ Welt umfasst mittlerweile mehr als 400 Einträge, kopiert in ein Text-Dokument sind es mehrere hundert Seiten und alle paar Tage kommen neue dazu. Manchmal frage ich mich allerdings, ob ich nicht irgendwann leer geschrieben bin – und vor allem: was ich dann tun werde.

In diesem Sinne, irgendwelche Vorschläge?

Nicht kugelsicher

Hinweisschild in meiner neuen Umhängetasche: Ich soll mich nicht unmittelbar in die Flugbahn von Projektilen begeben. Man könne leider keine Garantie für mein Leben übernehmen, die Tasche sei nämlich nicht kugelsicher. Na das ist ja mal gut zu wissen …

In diesem Sinne, bitte nicht auf mich schießen!

Onlinepacker

Sie waren zu sechst, allesamt recht klein und unscheinbar. Und sie sind der Grund, warum ich “Handybuch” revidieren möchte. Aber vielleicht sollte ich anders anfangen.

Das Setting ist das Foyer und zugleich der Aufenthaltsraum eines Hostels in Frankfurt am Main. Ich war dort bei meinem spontanen Mehrtagesausflug untergekommen und hatte es mir gerade auf einem der Sitzwürfel bequem gemacht. Dass etwas anders war, hatte ich schon beim Reinkommen bemerkt. Es dauerte allerdings einen Moment, bis ich das “anders” zu fassen bekam: Es war das kontinuierliche Tastaturklappern.

Sie waren, wie schon eingangs erwähnt, zu sechst: Sechs unscheinbare Netbooks – kleine Reiselaptops also. Auf eben denen tippten praktisch alle Reisende rum, die sich außer mir in dem Foyer-Bar-Frühstücksraum aufhielten. Gesprochen wurde praktisch gar nicht, sieht man mal von dem sporadischen Geflüster derer ab, die zu zweit reisten und sich einen Computer teilten.

Und sie waren nicht nur im Aufenthaltsraum – bis in den Schlaf verfolgten sie mich. Gleich zwei meiner Mitbewohner im Vierbettzimmer waren computerisiert unterwegs. Einer der beiden, ein Amerikaner, tippte sogar nachts. Zumindest tat er das immer dann, wenn ich zwischendurch aufgewacht bin. Ich will nicht so weit gehen, ihm die Schuld an meinem unruhigen Schlaf zu geben. Aber wirklich schlafffördernd ist ein kontinuierliches blaues Flimmern um vier Uhr morgens nicht.

Bin ich altmodisch? Gehört der Laptop nun so selbstverständlich zum Backpacker wie Trekkingsandalen und die Zip-Hosen? Das war doch vor vier, fünf Jahren noch nicht so!

Wissen diese Leute eigentlich, wie viele kuriose Internet-Cafés sie verpassen? Und wie viele Menschen ihnen entgehen, während sie schon beim Frühstück auf ihre Monitore starren? Und jetzt kommt mir nicht mit “Sicherheit wegen Online-Banking” und so etwas – so wie ich die meisten Nutzer kenne, sind die PCs in Internetcafés besser geschützt als die meisten Reiselaptops.

Immerhin: Eine meiner drei temporären Mitbewohner, ein Asiatin von Mitte 20 auf Europatour, reiste noch ohne Computer. Nicht mal ein Handy hatte sie dabei. Sie war mir auf Anhieb sympathisch. Aber das ist eine andere Geschichte.

In diesem Sinne, gute Reise – oder frohes Tippen, je nachdem …

Männerdomäne

Wir sind das starke Geschlecht. Wo könnten wir das unserer Partnerin besser zeigen, als im Fitnessstudio? Sollte man jedenfalls meinen. Komisch, dass die meisten Männer gerade zwischen Hanteln und Gewichten besonders schwach werden.

Ich mag es, bei meiner Aufwärmrunde auf dem Crosstrainer Paaren zuzugucken, die ihre erste Trainerstunde haben. Vielleicht liegt es daran, dass ich mal Soziologie studiert habe. Es hat etwas von einer Sozialstudie. Während sie nämlich meist locker und unkompliziert ausprobieren, mit dem Trainer (oder der Trainerin!) scherzen und in der Regel relativ entspannt wirken, ist der dazugehörige Freund oder Mann meist das genaue Gegenteil.

Angespannt, ungeschickt und wortkarg öffnet er den Mund höchstens zum Atmen oder um seiner Freundin etwas zuzuflüstern. Seine Bewegungen sind fahrig, meist krampfhaft kontrolliert, als hätte er Angst, durch zu viel Lockerheit unangenehm aufzufallen. Es gefällt ihm nicht, dass er etwas falsch machen können. Das ist das Problem.

Vielleicht ist das Rollenklischee doch tiefer verankert, als wir uns selbst eingestehen wollen. Männer fragen nicht gern nach dem Weg, weil wir glauben, dass wir den Weg kennen müssten. Tief in uns drinnen sind wir eben doch lauter kleine Möchtegern-Leithammel, die wenigstens in der Beziehung gern die Hosen an hätten.

Im Fitnessstudio dürfen wir nicht sagen, wo es langgeht. Das verwirrt uns um so mehr, als dass wir uns doch hier eigentlich in einem ur-männlichem Terrain wähnen. Traurig eigentlich, dass wir so einfach durcheinander zu bringen sind.

In diesem Sinne, viele Grüße an meinen Muskelkater!

Ü/U30

Ist 30 eigentlich alt? Ich muss gestehen, ich bin mit dieser Frage überfordert. Ich war vorhin in einer dieser Studentenkneipen, von denen es in meiner neuen Stadt (Karlsruhe) so einige gibt. Noch bevor ich mein erstes Bier bestellen konnte, kam ein kleiner, unscheinbarer Mann durch die Tür, öffnete seinen Rucksack und zog ein Plakat daraus hervor. “Ü30-Party” stand darauf. Ehe ich ihn fragen konnte, ob ich gemeint sei, hatte er das Plakat in dem kleinen Flur aufgehängt und war wieder in der Nacht dahinter verschwunden.

“Ü30″ – das ‘Ü’ steht für “Über” – aber ist man da mit 30 1/2 schon Teil der Zielgruppe? Und wenn nicht, darf ich dann ruhigen Gewissens zu “U30″-Parties gehen, obwohl ich ja eigentlich gar nicht mehr “unter 30″ Jahre alt bin?

Wenn man 30 Jahre alt ist, steht man andauernd irgendwo dazwischen. Höre ich in der Dönerbude den Erstsemestern zu, komme ich mir unendlich alt vor. Mein (erstes) erstes Semester ist zehn Jahre und eine gefühlte Ewigkeit her. Ich muss mir richtig auf die Zunge beißen, um mich nicht zum altklugen Arschloch aufzuschwingen, das meint, den 19-Jährigen Neu-Studis die Welt erklären zu müssen. (Und das, obwohl ich schon mit deren Wortschatz überfordert bin!)

Andererseits finde ich mich selbst hin und wieder verwirrend, eben weil ich längst den Horizont überholt habe, den ich als 19-Jähriger hatte. Bis 30 ist noch alles so offensichtlich vorgezeichnet – oder scheint wenigstens so. Jetzt schwimme ich plötzlich im luftleeren Raum.

Bedingt jedenfalls. Beobachte ich Freunde, die Mitte 30 oder älter sind, stelle ich fest, dass sich gar nicht so wirklich viel getan zu haben scheint. Selbst bei einem Freund, der mittlerweile nach eigenen Aussagen “auf die 50 zugeht” (er ist Anfang 40) ist das so. Beruhigend, irgendwie, – und desillussionierend!

In diesem Sinne, viel Spaß beim Altern!