Germany’s Next Topmodel

Manche Themen liegen auf der Straße, andere wiederum sitzen auf der Couch. Komisch wird das dann, wenn diese Couch mitten auf der Laufbahn des Sportplatzes an der Max-Schmeling-Halle steht und sich drei stark geschminkte Frauen darauf räkeln. 

Ich habe keine Ahnung, was das für ein Shooting war. Gleich drei kleine Lastwagen waren angerückt, besagte Couch wurde mitten auf den Bahnen vier, fünf und sechs platziert und die Models oben drauf gesetzt. Die machten ernste Miene zum albernen Spiel, während der Fotograf eine Serie nach der anderen schoss und eine Assistentin fleißig Anweisungen gab. Drum herum drehte ich zusammen mit ungefähr 15 oder 20 weiteren Läufern meine Runden.

Muss ich mir nun Sorgen machen? Bin ich nun wohlmöglich Teil einer Germany’s Next Topmodel-Kulisse oder finde ich mich demnächst in den Katalogen eines großen Modezaren wieder? Wer weiß, Ihr werdet es jedenfalls als erstes erfahren …

In diesem Sinne, immer schön Lächeln!

Das Strafgericht

Leider, und damit spreche ich wohl zumindest einigen Menschen aus der Seele, ist nicht den ganzen Tag EM. Im Gegenteil: zwei mickrige Spiele pro Tag, Beginn immer erst um 18 Uhr – selbst ausführliche Analysen nach und exzessive Berichterstattung vor dem eigentlichen Spiel kann da nur bedingt Abhilfe schaffen.

Ärgerlich ist das besonders für viele Gastwirte, die teilweise Unsummen in Beamer, Leinwände und sonstiges Equipment gesteckt haben oder sich von Lock-Rabatten wie “40% auf jedes Steak während des Spiels” zumindest ein Mehr an Laufkundschaft erhoffen (etwa das Steakhaus in meiner Straße). Zumindest hier in Berlin scheint mittlerweile sogar jede Dönerbuden – und sei sie noch so mickrig – zum EM-Quartier mutiert zu sein, und sei es nur, indem man den Fernseher aus dem heimischen Wohnzimmer auf eine Obst-Kiste vor dem Laden transferiert hat.

Was also tun mit den vielen EM-freien Stunden zwischen den Spielen?

Zumindest einige Läden haben eine Lösung gefunden: hier läuft jetzt tagsüber das gewöhnliche Nachmittagsprogramm. Von der Gerichtsshow bis hin zur Daily Soap bleibt keine Sparte unberücksichtigt. Ja, Berlin wird langsam aber sicher zu Bangkok, hier wird man nämlich, zumindest in den Backpacker-Ghettos, ebenfalls den ganzen Tag mit bunten Bildern aus der Flimmerkiste unterhalten. Nur sind das dann zumindest meist aktuelle Kinofilme und nicht “Das Strafgericht”.

In diesem Sinne, gute Unterhaltung!

Gestatten, Schwamm

Ich bin ein Schwamm. Das heißt, zumindest laufe ich im Augenblick durch die Gegend, als wäre ich einer. Krampfhaft versuche ich alles aufzusaugen und zu speichern, will jeden Moment auskosten, den ich noch in Berlin verbringen kann. Unwillkürlich folgen meine Gefühle dem marktwirtschaftlichen Prinzip der Güterknappheit: je weniger Tage übrig sind, desto kostbarer werden sie.

Die meisten dürften das kennen. Jeder halbwegs gelungene Urlaub funktioniert nach ähnlichen Gesetzmäßigkeiten. Je näher das Ende ist (und je bewusster man sich dieser Tatsache ist), desto mehr ist man bemüht, die letzten Tage oder Stunden besonders zu genießen und zu etwas besonderen zu machen.

Doch funktioniert das überhaupt?
Kann man sich von jetzt auf gleich in einen Schwamm verwandeln?

Ich weiß nicht, was von den bald drei Jahren Berlin bleiben wird, sicher aber mehr als nur die letzten drei Wochen. In so fern ist es wohl auch ein unnützes Bemühen, gerade die nun noch einmal besonders genießen zu wollen.

Heute habe ich im übrigen meine nächsten Stationen erfahren. Nach drei Wochen in der Hauptredaktion in Konstanz geht es anschließend nach Ravensburg. Eine Umstellung, sicher, aber ich freue mich auf die neue Aufgabe. Ich bin gespannt auf die neuen Menschen, und ich mag, das habe ich schon öfter geschrieben, Neuanfänge.

In diesem Sinne, fröhliches Abwaschen!

Stadtteil-Liebe

Ich war joggen. Jetzt frage ich mich, ob ich vielleicht doch im falschen Stadtteil wohne. Nicht einer, sondern gleich zwei junge Väter schoben – joggend – und mit stolz geschwellter Brust ihren Kinderwagen über die Laufbahn im Jahn-Sportpark.

Interessanterweise schien ich der einzige, der das befremdlich fand (oder ich war nur der einzige, der die beiden dabei so unverhohlen gemustert hat). Zugleich versuchte eine offenbar bilingual erziehende Mutter verzweifelt ihrem Dreijährigem in schlechtem Englisch dazu zu bewegen, mit seinem Laufrad weder in die Sprunggrube noch zwischen die Joggenden zu fahren. “Marvin! No running through the runners!”

Mit Ballon und Spucke – Mutter auf Probe“, titelte zu guter Letzt heute der Tagesspiegel. Die Redakteurin Elena Senft hatte sich von ihrer älteren Schwester ein Kind ausgeliehen und damit einen Tag lang Prenzlauer Berg erkundet: “Der Frühling in Prenzlauer Berg riecht nach Keksfingern und Puder”, konkludiert sie in dem Artikel, “In den Hausfluren der Mietshäuser stehen mehr Kinderwagen als Fahrräder, und in fast jedem Café gibt es eine Spielzeugecke, frische Waffeln und neonblaues Eis.”

Wenn ich so überlege, gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum ich nicht mehr hier wohnen sollte:

  • ich trinke meinen Kaffee am liebsten schwarz – Prenzlauer Berg dagegen ist längst latte-macchiatorisiert
  • im Gegensatz zu anderen Stadtteilen halten sich in Prenzlauer Berg die meisten Kneipen- und Cafe-Besitzer an das seit 1.1.08 gültige Rauchverbot – wer öfter mal mit Rauchern was trinken geht, steht also regelmäßig vor der Tür 
  • in vielen Cafés ist zumindest tagsüber ohnehin keine Unterhaltung mehr möglich, weil jedes Wort vom synchronisierten Tippen unzähliger Laptop-bewaffneter Kreativer übertönt wird
  • man kann kaum mehr ruhigen Gewissens über eine rote Ampel gehen. Normalerweise warten nämlich schon mindestens zwei Kinder auf grün (siehe oben) – und denen will man doch kein schlechtes Vorbild sein
  • Die Pub-Crawl-Veranstalter beschränken sich nicht mehr auf die Gegend um die Warschauer und die Oranienburger Straße, mittlerweile haben sie auch die Gegend um die Eberswalder Straße für sich entdeckt. Wohl geographisch bedingt dient diese Ecke meist als Endpunkt der organisierten Sauftouren, entsprechend irren zu fortgeschrittener Stunde in letzter Zeit häufiger versprengte und orientierungslose Amerikaner, Engländer und Australier betrunken und auf der Suche nach noch mehr Bier durch meine Nachbarschaft

Diese Liste kann wohl noch um einige Punkte verlängert werden. Allerdings brauche ich meist nur mal eine halbe Stunde in meiner Nachbarschaft spazieren zu gehen, und ich vergesse die meisten davon wieder.

Wie heißt es so schön? Man liebt jemanden nicht wegen, sondern trotz seiner Fehler. Warum sollte das nicht auch für einen Stadtteil gelten?

In diesem Sinne, frohes Kinderschieben!

Der Supersportler

Es war von vornherein klar: er wollte seinem Publikum etwas bieten – und daran, dass es dieses Publikum gab, daran zweifelte er offensichtlich keine Sekunde. Immerhin, keiner der anderen Läufer hatte eine so coole Sonnenbrille wie er. 

Der Supersportler und ich kamen zwar ungefähr zur gleichen Zeit auf dem Sportplatz an. Während ich jedoch wie ein ganz gewöhnlicher Läufer auf die 400-Meter-Bahn zusteuerte, schwebte er mit weiten, federnden Schritten in Richtung Sprunggrube. Schwungvoll ließ er seine Tasche am Rande der Grube zu Boden gleiten und begann mit einem aufwendigen, offensichtlich von einem Profi ausgearbeitetem Aufwärmprogramm.

Pfauengleich schritt er die untere Gerade der Laufstrecke zunächst in der einen, dann in der anderen Richtung ab, kratzte sich am Kopf und begann anschließend hektisch in seiner mitgebrachten Sporttasche zu wühlen. Daraus zauberte er erst ein paar Schuhe, dann eine große Wasserflasche hervor, aus der er hastig ein paar Schlucke nahm, während die Sonne sich in seiner Sonnenbrille spiegelte.

Anschließend begann er, sich zu entkleiden. Der (vermutlich maßgeschneiderte) Trainingsanzug wurde in der Tasche verstaut und macht Platz für die darunter getragene enge, blaue Radlerhose und ein grellrotes T-Shirt. Auch die neongelben Sportschuhe mussten weichen und wurden aus das Paar Schuhe aus der Tasche ersetzt. So ausstaffiert nahm der Supersportler sein Aufwärmtraining wieder auf.

Mir ernstem Gesichtsausdruck ging er die untere Gerade der Laufbahn erst in die eine, dann in die andere Richtung ab, bevor er schließlich auf der einen Seite der Hundert-Meter-Bahn in Startstellung ging.

Ich war ungefähr vier Runden gelaufen, als der imaginäre Startschuss fiel. Wie ein Pfeil, der von einem Bogen abgefeuert wird, schoss der Supersportler nach vorne und rannte die hundert Meter fast bis zum Ende durch. Anschließend kehrte er zu seiner Tasche zurück, wo er erstmal einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche nahm, bevor er die Kontrollgänge am Rande der Laufstrecke wieder aufnahm. 

Das Spiel wiederholte sich in der Dreiviertelstunde, die ich auf dem Sportplatz war, genau vier Mal. Nach jedem Durchgang betrachtete der Supersportler eingehend die gut fünfzehn anderen Läufer auf dem Platz, rückte seine Sonnenbrille zurecht und brummte etwas Unverständliches. Erst am Ende, als wir die Laufbahn zeitgleich verließen, konnte ich verstehen, was er nach seinen Sprints immer murmelte: “Verdammte Möchtegern-Läufer!”

In diesem Sinne, nicht gleich übertreiben mit dem Sport!

Auffallend

Wenn man einen Stapel Spielkarten schnell Karte für Karte von der einen in die andere Hand fliegen lässt, beeindruckt das nicht nur die Augen der Zuschauer. Sie hören es auch. Der stetige Kampf der Karten gegen den eigenen Luftwiderstand und das aufeinander prallen von Pappe auf Pappe erzeugen Geräusche, die an ein Casino oder an eine Pokerrunde denken lassen, nicht aber ans U-Bahn-Fahren in Berlin. Normalerweise jedenfalls.

Irgendwann am frühen Abend in der U2 zwischen Potsdamer Platz und Stadtmitte. Ein junger Mann steigt ein und lässt sich laut seufzend auf den Platz neben mir fallen. Dann beginnt er eben jenes Spiel mit den Karten. Von links nach rechts und zurück, unterbrochen nur vom Ruckeln des Zuges beim Anfahren nach den Haltestellen.

Wenige Haltestelle nach dem Kartenspieler steigt ein weiterer Mann ein. Er ist ziemlich groß, ziemlich dünn, und er trägt eine übergroße Wollmütze in den Farben der jamaikanischen Flagge. Am Mützenrand luken Rastazöpfe ins Freie, die offenbar schon länger kein Wasser mehr gesehen haben. Kleine Dreckstückchen haben sich in den verfilzte Haaren gesammelt und schwingen beim Gehen hin und her.

Mit ausladenden Schritten steuert er auf den freien Platz gegenüber dem Kartenspieler zu. Dabei singt er. Nicht leise, sondern ziemlich laut und zudem ausgesprochen schief. Der Kartenspieler unterbricht sein Spiel und guckt den singenden Rasta-Typ irritiert an, fängt sich aber schnell wieder. Konzentriert lässt er die Karten weiter von links nach rechts und von rechts nach links fliegen. Die anderen Fahrgäste starre angestrengt ins Leere. Der Rasta-Typ gibt zunächst Adam Green und dann auch noch Nirvana zum Besten, bevor er schließlich und immer noch singend am Alexanderplatz wieder aussteigt.

Ich staune. Immer wieder fallen mir Menschen auf, die laut Pfeifend, Singend oder eben Karten spielend durch die Welt wandeln und denen es anscheinend herzlich egal ist, wie das auf andere wirkt. Wieso ist das so? Stört es diese Menschen nicht, dass sie mich stören? Ist es Ihnen egal? Oder sind sie vielleicht sogar stolz darauf, wie vermeintlich unabhängig und selbstbewusst sie sind?

Neil Strauss, Aufreißerkönig und Buchautor propagiert in “The Game“, der Bibel für Pick-Up-Artists, unter anderem die Pfauen-Theorie: Männer auf Anmachtour sollten demnach auffallenden Schmuck, ein besonders grelles T-Shirt o.ä. tragen oder sich sonstwie exponieren. Als Äquivalent zum federnen Pfauenrad diene das dann als conversation piece, also als Anknüpfungspunkt für ein erstes Gespräch.

Nach Bücherwürmern sahen meine Mitfahrer beide nicht aus. Aber der erste Eindruck kann ja täuschen. Außerdem gibt es das Buch mittlerweile sogar als Reality-Show im Fernsehen (“Style Academy“). Lesen zu können ist also nicht mehr zwingend Bedingung, um bei The Game mitzuspielen.

Bin ich da also möglicherweise mitten in ein Aufreißer-Seminar geraten? Finde ich mich demnächst als Hintergrund wieder, irgendwo in irgendeiner MTV-Show irgendwo im Kabelfernsehen? Ich weiß es nicht. Für eine kurze Info wäre ich allerdings dankbar.

In diesem Sinne, immer die Augen offen halten – und vielleicht bis bald im TV!

Happy Hour

Wer im Erdgeschoss wohnt sitzt auf dem Präsentierteller. Entsprechend haben die meisten Mieter solcher bürgersteignahen Wohnungen blickdichte Gardinen, Rollläden oder einen sonstigen Sichtschutz installiert. Privatsphäre geht dann eben vor Tageslicht.

Doch nicht alle sehen das so. Lange gab es in meiner Nachbarschaft eine Erdgeschoss-WG, denen es offenbar nichts ausmachte, ein Leben auf dem Präsentierteller zu führen. Gerade abends, wenn es draußen dunkel und drinnen das Licht an war, war man als vorbei laufender Passant nahezu genötigt, zumindest einen kurzen Blick in die kleine, zum Bürgersteig gelegene WG-Küche zu werfen.

Was man dort sah, war normalerweise eher unspektakulär: schmutzige Geschirrstapel in der Spüle, gebannt auf einen Laptop starrende WG-Bewohner am Küchentisch oder, selten, jemanden, der etwas kochte (Nudeln, meistens jedenfalls). Interessanter war dagegen der offenbar kollektiv gestaltete Fensterschmuck: “Weihnachten – wir sind dafür” stand dort etwa in der Adventszeit zu lesen oder “54, 74, 90, 2006 – Deutschland wird Weltmeister” als im vorletzten Sommer das WM-Fieber wütete.

Besonders beliebt bei den drei WG-Bewohnern schien folgender Spruch: “Heute keine Cocktails” hieß es dauerhaft wie unscheinbar auf einen weißen Zettel getippt, der unten links an der Scheibe klebte. Entgegen der übrigen Zettel verschwand dieser Zettel nie oder besser: fast nie. Im letzten Sommer, als das Thermometer dann doch einmal an der 30 Grad Marke kratzte, stand eines Tages plötzlich statt “heute keine Cocktails” ein fröhliches “Morgen Cocktails!” im Fenster des WG-Haushalts.

Und tatsächlich, als ich am nächsten Abend auf dem Weg zur Arbeit an der Erdgeschosswohnung vorbei kam, saßen die drei Bewohner auf Liegestühlen auf dem Bürgersteig vor ihrem Fenster und schlürften Cocktails. Vielleicht eine Art Abschiedsevent, denn kurz darauf sind die drei ausgezogen – zusammen mit dem Cocktail-Schild. Heute hängen Gardinen und hässlicher Holzschmuck in den Küchenfenster. Schade eigentlich.

In diesem Sinne, erstmal keine Cocktails mehr!

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