Ankommen und so

In einem Traveller-Magazin in Granada habe ich von meiner alten Heimat gelesen. Prenzlauer Berg in Berlin – dort müsse man nun unbedingt hin, hieß es dort auf Englisch. Neben dem eineinhalb Seiten umfassenden Artikel war ein Ausschnitt aus einem Stadtplan abgedruckt. Nummern in kleinen Kreisen wiesen die Must-See, Must-Drink-In und Must-Tell-From-Ort aus. Rechts im Plan oben meine alte Straße. Werden nun Reisende aus der ganzen Welt an meinem alten Haus vorbeilaufen?

Das Schönste und das Schlimmste am Reisen ist das Ankommen. Natürlich hat man von seinem nächsten Zielort schon mal gehört oder gelesen. Trotzdem sieht der Ort immer anders aus, als man ihn sich vorgestellt hat. Das fängt schon damit an, dass Stadtpläne immer eben sind – echte Orte aber gerne bergig oder mindestens hügelig. Was auf dem Papier platt und einfach zu überblicken aussieht, irritiert in der Realität gerne mit steil ansteigenden Straßen, verwinkelten Gassen und/oder unerwarteten Bäumen. Manchmal stimmt auch die Karte, trotzdem stellt sich die Wirklichkeit quer.

So passiert ist mir das in Cadiz. Im Reiseführer gab es glücklicherweise eine Skizze der Innenstadt, in der sogar mein Hostel eingezeichnet war. Trotzdem weigerte sich die Karte konsequent, mich vom Busbahnhof aus auch dorthin zu führen. Wo auf der Karte ein Hafen war, stand in der Realität eine Lagerhalle. Wo die Karte eine Kreuzung verortete, gab es nur eine steil ansteigende, kurvige Straße.

Des Rätsels Lösung: ich war eine (nicht eingezeichnete) Haltestelle zu früh aus dem Bus aus Ronda ausgestiegen – und war nun keine 500 Meter, sondern nur noch 50 Meter von meiner Unterkunft entfernt. Es hat fast eine halbe Stunde gedauert, bis ich das begriffen hatte. Mein Hostel war also direkt nebenan. Nur: wie hätte ich es auch wissen sollen? Ich war vorher noch nie in Cadiz!

Manchmal hilft es, einfach drauf los zu laufen. In Madrid bin ich um halb elf in der Nacht gelandet. Das ist besonders unangenehm, denn nachts sehen neue Städte weder ihrem Reiseführer-Ich noch dem Stadtplan ähnlich. Als ich nach zwei Mal Umsteigen die Metro verließ und ins Freie trat, war es, als wäre ich in einer anderen Welt. Die Straße war voll von Menschen. Die Bürgersteige waren übersät mit Tischen und Stühlen aus den Restaurants, um mich herum waren tausend fremde Stimmen. Ich wusste, ich bin richtig – nur in welcher Richtung. Ausnahmsweise hat meine Intuition mich in die richtige Richtung gelenkt. Ich war selten so froh über ein Straßenschild.

Wie wird es den Menschen in Berlin gehen, wenn sie durch meine Straße laufen? Ich weiß nicht, ob das argentinische Restaurant in meiner (Ex-)Straße inzwischen in Reiseführern verzeichnet ist. Oder die eigensinnige Kneipe hinter der Greifenhagener Brücke. Wenn ja, sie wäre es zu Recht.

In diesem Sinne, auf das Ankommen … und so!

PS: Die Karte oben zeigt meine Ankommen- und Weiterreise-Route in Andalusien. Die dazugehörigen Fotos gibt es hier.

Berliner

Herr Lehmann ist kein Berliner, denn eigentlich kommt er ja aus Bremen. Ein Bremer ist er aber auch nicht (mehr). Was ihn eigentlich zum idealen Berliner macht.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass rund die Hälfte der dreieinhalb Millionen Berliner inzwischen zugezogene Berliner sind. In einer Stadt wie Berlin ist das wichtig. Vor allem, weil die andere Hälfte, die Ur-Berliner, nämlich durchaus wert auf Feinheiten wie den Geburtsort legen. Der klassische Neu-Berliner würde sich dagegen am liebsten jedes Jahr in seiner neuen Heimat wie ein Rangabzeichen auf die Schulter heften.

Mit abgeklärter Stimme sagt der Neu-Berliner Sätze wie “Nord-Neukölln ist das neue Kreuzberg”, “Friedrichshain ist auch nicht mehr, was es einmal war” und “Prenzlauer Berg ist längst schwäbisch”. Der gebürtige Berliner rümpft bei solchen Sätzen eher die Nase. Nicht, weil er sie nicht unterschreiben würde, sondern weil ein echter Berliner solche Erkenntnisse gar nicht erst in Worte fassen muss – erst recht nicht gegenüber einem Möchtegern-Berliner.

Berlin bietet trotzdem beiden ein Zuhause, den Alten wie den Neuen und Zugezogenen. Das habe ich an dieser Stadt immer so geliebt. Berlin kann eine weiße Leinwand sein, die man bemalen und dann so tun kann, als würde man das Bild schon seit Jahren kennen.

Wer nach Berlin zieht, wird beinahe zwangsläufig schizophren. Das “Wo kommst Du her?” gehört genau so zum guten Ton wie das Bekenntnis zur neuen und trotzdem längst adaptierten Heimat. Man ist stolz, als Berliner durchzugehen – und unterstreicht diese Auszeichung, indem man zwischendurch immer wieder betont, was man längst hinter sich gelassen hat. “Ich bin zwar aus xy, aber ich wohne schon seit xxx Jahren in Berlin” ist ein mehr als typischer Satz.

Sven Regener, aus dessen Feder Herr (Frank) Lehmann stammt, hat immer bestritten, dass seine Romanreihe um den Berlin-Bremer Antihelden aus Herr Lehmann, Neue Vahr Süd und Der kleine Bruder biographisch zu deuten sei. Trotzdem gibt es zahlreiche Parallelen. Allerdings ist das eigentlich auch selbstverständlich. Ein Roman von einem zugezogenen Berliner, der nicht in Berlin spielt, würde mir schließlich meine ganze Theorie kaputt machen!

In diesem Sinne, Danke, Herr Regener!

Provinzgroßstadt

Kann man eine Sinnkrise wohnen? Oder anders gefragt: Kann eine Stadt eine Sinnkrise haben? Wundern würde es mich jedenfalls nicht. Selbst eine Krise, wenn auch vielleicht keine mit Sinn, bekommt, wer einmal versucht hat, den Wikipedia-Eintrag zum Thema Stadt ganz durchzulesen. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Wenn ich sonntags nicht arbeiten muss, versuche ich ein ganz bestimmtes Sonntagsritual einzuhalten. Ich gehe joggen, kaufe auf dem Rückweg zu meiner Wohnung Brötchen und die Sonntagszeitung und mache mir dann zum Frühstück meine ganz spezielle Rührei-Variante (mit Tomaten und Schafskäse).

Seit ich aus Berlin weggezogen bin, ist es gar nicht so einfach, diesem Ritual treu zu bleiben. Schuld sind die Bäcker in den Orten, in denen ich in den vergangenen eineinhalb Jahren gewohnt habe. In Ravensburg und Neudingen gab es gar keinen in der Nähe. In Radolfzell schon, der verkaufte allerdings keine Zeitungen. Und in Konstanz habe ich zwei Bäcker zur Auswahl, die allerdings beide um elf schon wieder schließen und bei denen die Zeitungen oft schon um halb zehn ausverkauft sind.

Konstanz hat ungefähr 82.000 Einwohner, was die Stadt beinahe zur Großstadt macht (ab 100.000 Einwohner). Trotzdem ist es gar nicht so einfach, an einem Sonntag nach elf Uhr noch Brötchen zu bekommen. Auch wer Samstags nach ein Uhr nachts noch irgendwo was trinken, aber nicht in eine Großraumdisco gehen möchte, hat alles andere als die Qual der Wahl. Konstanz kann diesbezüglich schon ganz schön provinziell rüberkommen.

Andererseits ist Konstanz eine Studentenstadt, es gibt Menschen unter 30 auf der Straße – sogar mehrere! Und verglichen mit Neudingen (600 Einwohner), wo ich beim Joggen nicht nur Treckern, sondern manchmal sogar Kühen ausweichen musste, ist es tatsächlich so etwas wie eine Großstadt. Groß, klein – Konstanz scheint sich da nicht wirklich festlegen zu wollen.

Genau so geht es übrigens mir: Ich mag Konstanz, selbst wenn ich es immer noch mit ‘z’ und nicht (richtig) mit ‘sch’ ausspreche. Ich genieße das unkleinstädtische Flair genau so wie das dörfliche Flair, das dieser Ort verbreiten kann. Hin und wieder habe ich allerdings doch wieder das Gefühl, schlicht und einfach in der Provinz gelandet zu sein. Aber ich bin ja auch noch irgendwie neu.

In diesem Sinne, drei Brötchen und eine Zeitung bitte!

Missing Untergrund

Manchmal fehlt mir die Berliner U-Bahn. Nicht wirklich als Fortbewegungsmittel, eher ganz allgemein. Wer einmal nachts um halb fünf von Neukölln nach Prenzlauer Berg gefahren ist, wird vielleicht wissen, was ich meine. Zumindest, wenn er angekommen ist.

Es ist nicht so, dass die Berliner U-Bahn-Wagons ein besonders schöner Ort wären. Schon die Anordnung der rutschigen Sitzbänke ist gewöhnungsbedürftig. Man hat gar keine andere Wahl als sich gegenüber zu sitzen. Und selbst, wenn niemand auf der anderen Bank sitzt, vor dem hässlichen Muster gibt es kein Entkommen.

Außerdem sind es gerade nachts nicht nur sympathische Zeitgenossen unterwegs. Schon tagsüber habe ich mich oft gewundert, woher die komisch Gestalten kommt, die zuverlässig in jedem Zug sitzt. Nachts dagegen muss man auf manchen Linien wirklich suchen, um noch einen normalen Mitfahrer aufzutreiben.

Doch das ist nicht der Punkt. Gerade am Wochenende, wenn die U-Bahn ohne Pause bis zum nächsten Morgen durchfährt, konzentriert sich das Leben auf eine ganz eigene Art und Weise in den unförmigen, gelben Zügen, die sich U-Bahn nennen und trotzdem gerade auf den interessanten Streckenabschnitten ausschließlich überirdisch fahren.

An manchen Tagen vermisse ich diese Nächte, in denen man selbst wohl eher komisch als normal ist. Wenn man nach ein paar Bieren auf einer spontanen Party in die U2 steigt und hofft, bis Schönhauser Allee nicht einzuschlafen – oder zumindest rechtzeitig wieder aufzuwachen.

Mir fehlt die Multi-Kulti-Atmosphäre der U1, übrigens die älteste U-Bahnlinie der Stadt, und die staunenden Touristen, die mit ihr vom Ku-Damm über SO61 bis ins tiefste Kreuzberg SO36 fahren und später stolz erzählen, sie hätten “the real Berlin” gesehen (in meinen drei Jahren in der Hotellerie habe ich diesen Spruch mehr als einmal gehört).

Unabhängig von all dem fehlt mir aber vor allem die Unbeschwertheit, mit der man in Berlin durchs Leben gehen kann. “Das Leben hier in der Gegend ist leicht, wenn man jung ist. Ein bisschen Arbeiten, billige Wohnung, viel Spaß”, hat der Arzt in Regeners “Herr Lehmann” zu Frank Lehmann gesagt, als dieser seinen Freund Karl nach mehreren durchzechten Nächten in der Notaufnahme des Kreuzberger Urbankrankenhauses abliefert. Naja, ganz leicht ist es vielleicht doch nicht immer.

In diesem Sinne, gute Besserung!

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