Ich bin jetzt runter auf 700. Angefangen hatte ich bei 3,5 Millionen. Der Ort, in dem ich jetzt lebe, hat also nur ein 5000′tel (in Worten: ein Fünftausendstel) der Einwohner von Berlin – mich mitgerechnet. Ich habe für diese Verkleinerung gerade mal neun Monate und fünf Umzüge gebraucht. Das Verrückte daran: Ich finde das gar nicht mal so schlecht.
Ich genieße es zum Beispiel, am frühen Abend auf meinem Balkon zu stehen (was ich dann sehe, seht Ihr oben, anklicken erlaubt). Das Joggen konnte ich heute morgen direkt vor der Tür beginnen, denn dort ist das Dorf zu Ende und die Felder und Äcker beginnen. Die Luft riecht angenehm würzig und klar. Gleich zwei Treckern musste ich bei meiner Laufrunde ausweichen.
Außerdem habe ich einige Jugendliche getroffen. Sie dürften so um die 15 Jahre alt gewesen sein. Statt eines Hip Hop streuenden Handys trugen sie allerdings Musikinstrumente. Außerdem hatten sie seltsame Trachten an und grüßten artig, als ich an ihnen vorbei lief. (Im Internet habe ich später herausgefunden, dass sie offenbar zur örtlichen Kapelle gehörten, daher die Trachten. Die beiden übrigen nennenswerten Vereinigungen im Dorf sind übrigens die Freiwilligen Feuerwehr und die Fastnachts-Gruppe “Die Klosternarren”.)
In Berlin war das anders. Da hatte ich keinen Balkon. Statt dessen konnte ich aus meinem Fenster auf den anderen Seitenflügel und in den Innenhof gucken. Lange Zeit stand hier ein einzelner Baum, bis er irgendwann umgeweht wurde und dabei eine Scheibe einschlug. Danach gab es keinen Baum mehr.
Gejoggt bin ich in Berlin normalerweise auf einem Sportplatz. Zu dem musste ich allerdings erstmal etwa einen Kilometer über Bürgersteige und an Kinderwagen schiebenden Müttern vorbei laufen. Die Luft war dabei höchstens erfüllt von Abgasen, und im Winter hat man die immer noch aktiven Kohleöfen gerochen – meine eigene Ofenheizung eingeschlossen.
Ja, man sollte meinen, jetzt ist alles besser, und ich bin endlich angekommen. Stimmt, sage ich. Allerdings habe ich den entscheidenden Faktor, warum es mir hier so gut gefällt, noch gar nicht genannt: Weil ich in drei Monaten wieder wegziehen werde. Ich genieße das Dorfleben – weil ich weiß, dass es nicht für immer ist.
In diesem Sinne, einmal Großstadt – immer Großstadt?
