Digitaler Hunger

Eigentlich wundert es mich, dass ich im realen Leben nicht andauernd auf Menschen stoße, die gerade ihr Essen fotografieren. Die Welt müsste voll von ihnen sein. Das will mir zumindest das Internet weismachen.

Wenn ich Zeit und Langeweile habe, klicke ich mich manchmal einfach so von Blog zu Blog. Das ist einfach, denn die meisten Blogs haben inzwischen umfassende Blogrolls, also Linklisten, über die man wieder auf weitere Blogs mit weiteren Blogrolls kommt. Bei Blogs, die von Frauen geführt werden, scheint es zudem üblich, immer wieder per Kommentar auf das eigene Internet-Tagebuch zu verweisen (besonders wichtig: dabei möglichst oft das Wort “süß” zu benutzen).

Eines der liebsten Themen neben dem “Outfit of the day” sind Lebensmittel und deren Zubereitung in Wort und Bild. Vor allem Bild.

“Was ich schreibe ist im Grunde genommen egal”, so kürzlich eine befreundete Bloggerin zu mir, die sich eigentlich auf Reiseberichte spezialisiert hat, “aber sobald ich Fotos von meinem Essen einstelle, gehen die Zugriffszahlen sofort nach oben.”

Ich frage mich, wie das kommt. Ob es was mit den Genen zu tun hat? Es sind fast ausschließlich Frauen, die den Drang haben, ihr Essen, ihre Backerfolge und ihre Restaurantbesuche im Bild festzuhalten. Männer dagegen scheinen immun. Allerdings halten die sich auch bei den Outfit-Posts eher zurück.

Noch mehr als die Frauen-Männer-Frage irritiert mich allerdings, dass ich in der realen Welt so selten Menschen sehe, die mit Kamera und Belichtungsmesser um ihre Mahlzeiten herumspringen. So allgegenwärtig, wie dieser Trend in der Blogosphäre ist, müsste doch ein gewöhnlicher Restaurantbesuch inzwischen dem roten Teppich bei der Oscar-Verleihung gleichen. Nur dass die Stars nicht die Schauspieler, sondern das Steak, die Nudeln oder der Salat sind. Dem war zumindest aus meiner Sicht bisher (noch?) nicht so.

Oder habe ich bisher vielleicht einfach noch nicht genau genug hingesehen?

In diesem Sinne, hier ein Bild meines Weihnachtsessen aus dem vergangene Jahr (leider musste ich mich erst stärken, bevor ich fotografieren konnte):

Vater der Kellnerin

Sie könnte Deine Tochter sein. Früher habe ich immer gedacht: Wenn einem dieser Satz durch den Kopf geht, dann ist man alt. Inzwischen denke ich: Noch schlimmer ist es, wenn jemand anderes diesen Satz zu Dir sagt.

Mit Kellnerinnen zu flirten ist einfach. Zumindest wenn man die Definition des Wortes “flirten” nicht vom Erfolg des Flirt-Versuchs abhängig macht. Kellnerinnen können schlecht weglaufen. Außerdem sind sie darauf getrimmt, zunächst einmal freundlich zu sein. Jeder noch so plumpe Flirtversuch wir daher zunächst zumindest mit einem Lächeln quittiert. Gar nicht unbedingt wegen eines etwaig zu erwartenden Trinkgeldes, sondern weil es zum professionellen Kellnern nun einmal dazu gehört, freundlich zu lächeln.

Neben der Tatsache, dass sie Biernachschub bringen, ist das vermutlich einer der Hauptgründe, warum Männer Kellnerinnen toll finden. Egal wie schlecht der Witz ist, den sie gerade erzählen, die Frau mit dem Tablett gibt zumindest vor, sich genau so sehr darüber zu amüsieren wie der Witzerzähler selbst.

Ich würde lügen, wenn ich mich davon freisprechen würde. Ich kann nicht nur großartig schlechte Witze erzählen, sondern gucke hin und wieder auch selbst mit sehnsüchtigem Blick einer gutaussehenden Kellnerin hinterher. Vor Jahren hat das sogar mal für eine Verabredung nach Feierabend gereicht.

Das ist allerdings schon eine ganze Weile her – und sie war damals schon zwei Jahre jünger als ich. Kellnerinnen, zumindest die hübschen, sind nämlich meist Studentinnen – und damit liegen zwischen ihnen und mir heute oft zehn oder gar zwölf Jahre Altersunterschied. “Sie könnte Deine Tochter sein!” Gut, so ganz stimmt das nicht – noch nicht. Manchmal ist es allerdings frustrierend, wie nah ich mittlerweile an dieser Aussage bin.

In diesem Sinne, Danke D. fürs dran Erinnern ;-)

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