Kinderparadies

Ich hätte gerne ein Bild gemacht. In dem Moment zu fotografieren, wäre aber wahrscheinlich nicht so gut angekommen. Zumindest die beiden Mädchen wäre mir böse gewesen. Die anderen Leute hätten mich vermutlich verstanden.

Das Ganze war im Erdgeschoss eines größeren Drogeriemarktes in der Innenstadt passiert. Zwei junge Frauen, Teenager, beide werden so 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein, hatten es lustig gefunden, das Kinderparadies unter der Rolltreppe in Beschlag zu nehmen. Hier können einkaufende Eltern ihre Kinder mit Bauklötzen spielen oder auf hölzernen Schaukeltieren toben lassen. Ihre kleinen Kinder, wohlgemerkt.

Die beiden Mädchen setzten sich auf eben diese Schaukeln, was beide offenbar sehr witzig fanden. Für alle anderen im Laden war es dagegen eher nervig. Die beiden Mädchen alberten nämlich ziemlich laut rum. Besonders eine der Beiden lachte sogar so laut, dass irgendwann eine Verkäuferin auf sie aufmerksam wurde und sie bat, doch bitte das Kinderparadies zu verlassen.

Eben das, so gestand das Mädchen nun, könne sie nicht. Sie stecke fest.

Hätte man die Szene in einem Film gesehen, hätte man als Zuschauer vermutlich gesagt: das ist aber nun doch ein wenig unrealistisch. Wie real es war wurde zumindest dem feststeckenden Mädchen spätestens dann bewusst, als die Verkäuferin sich anschickte, die Feuerwehr zu rufen.

Dieser Schock wirkte. Vielleicht weil nun genügend Blut aus den Gliedmaßen in den Kopf gestiegen war. Der war nämlich inzwischen hochrot. In jedem Fall gelang es dem Mädchen nun doch, sich aus eigener Kraft zu befreien.

In diesem Sinne, vorsichtig im Kinderparadies!

Heißes Wasser

Es geht nicht ohne heißes Wasser. Niemals. Nirgends. Darum bekommen argentinische Babies statt einer Flasche mit warmer Milch auch eine Thermoskanne mit eben diesem. Das vermute ich jedenfalls. Und ich kann es verstehen.

Mit einer Thermoskanne unter dem Arm rumzulaufen ist in Argentinien auch als Erwachsener nichts ungewöhnliches. Der Grund ist ein alter Brauch, den die Argentinier noch heute pflegen. Mindestens vier von fünf Argentiniern mindestens einmal die Woche, behauptet mein Reiseführer. Meiner Erfahrung nach ist das noch untertrieben.

Mate ist als Argentiniens Nationalgetränk und ein ständiger Alltagsbegleiter. In Deutschland eher als Tee und, seit kurzem, als Eistee-Verschnitt “Club Mate” bekannt, werden die Blätter des mit der Stechpalme verwandten immergrünen Mate-Strauches südlich des Äquators nach einem genau festgelegtem Ritual mit heißem Wasser aufgegossen. Als Trinkgefäß dient ein ausgehöhlter Flaschenkürbis, der mindestens bis zur Hälfte mit yerba mate (gehexelte Mate-Blätter) gefüllt wird.

Getrunken wird aus dem Bombilla, einem Strohhalm aus Metall mit einer Art Sieb am Ende. Dabei wird der ausgehöhlte Kürbis (manche Argentinier benutzen auch ein Gefäß aus Holz) immer wieder neu mit heißem Wasser gefüllt und in der Gruppe herumgereicht. Heißes Wasser gibt es in jedem Laden und an jeder Tankstelle.

Yerba Mate, von dem es dutzende unterschiedliche Sorten gibt, wird in Argentinien vor allem in 500-Gramm-Packungen verkauft, die an deutsche Kaffee-Verpackungen erinnern und ganze Regalwände in den Supermärkten füllen. Dem Inhalt werden beinahe magische Fähigkeiten zugeschrieben: er soll Hunger unterdrücken, wirkt wegen dem darin enthaltenen Koffein aufputschend und zugleich harntreibend und entschlackend. Außerdem scheint ein Zug aus dem bombilla er für viele Argentinier die Zigarette zu ersetzen.

Mit einem argentinischen Reiseleiter und einer Gruppe Backpacker aus aller Welt war ich einmal in der Nähe der chilenischen Grenze in Nordpatagonien zu einer White-Water-Rafting-Tour unterwegs. Auf dem Hinweg verlor der Anhänger, auf dem die beiden Schlauchboote transportiert wurden, ein Rad. (Kein Platten, es ist einfach der komplette Reifen abgefallen). Das erste, was der argentinische Guide tat, war seine Thermosflasche zu zücken. Erstmal einen Schluck Mate.

Auf dem Rückweg ging uns irgendwo im Nirgendwo das Benzin aus. Der argentinische Guide lächelte nur. Noch bevor er den Daumen rausstreckte, um Rückfahrgelegenheiten für unsere kleine Gruppe zu organisieren, zückte er seine Thermoskanne. Erstmal ein Schluck Mate.

Das alles ist fast auf den Tag genau sieben Jahre her. Ich habe mir damals in Argentinien Mate und Bombilla gekauft und einige Pfund yerba mate nach Deutschland geschickt. Dem Internet sei dank ist Nachschub heute ja kein Problem mehr. Nur Argentinien fehlt mir manchmal. Aber das ist eine andere Geschichte.

In diesem Sinne, noch jemand einen Zug aus dem Bombilla?

Oben

Ich war noch nie in der ersten Etage. Bis gestern. Und das, obwohl ich nun schon seit über eineinhalb Jahren in diesem vierstöckigen Haus wohne. Hochparterre. Gestern war ich dafür gleich ganz oben, im vierten Stock.

Ist es nicht komisch, wie oft wir das Naheliegende ignorieren? An einem normalen Tag laufe ich mindestens vier Mal an der Treppe vorbei, die in meinem Haus nach oben führt. Zwei Mal, wenn ich morgens die Zeitung reinhole, einmal auf dem Weg zur Arbeit und noch einmal, wenn ich abends wieder nach Hause komme. In den 19 Monaten, die ich nun schon hier wohne, habe ich die Treppe trotzdem kein einziges Mal benutzt. (Dabei wurde die Reinigung derselben natürlich in meiner Nebenkostenabrechnung aufgeführt.)

Dass ich nun zum ersten Mal doch nach oben gegangen bin, war der Paketbote schuld – und ich fürchte, der mag mich nun nicht mehr. Frei nach dem Motto “wenn schon – denn schon” musste er nämlich bis ganz nach oben laufen. In den anderen Etagen hätte ihm niemand aufgemacht, so jedenfalls mein Nachbar aus dem 4. Stock. Darum habe er das Paket für mich angenommen und der Paketbote eben bis ganz nach oben laufen müssen. So wie ich, als ich das Paket abgeholt habe.

Normalerweise lasse ich Pakete direkt in die Redaktion liefern. Hier wird das Paket auf jeden Fall angenommen. Außerdem riskiere ich hier nicht, dass es zwar angenommen wird, danach aber tagelang bei einem Nachbarn liegt, der nach der Paketannahme erstmal tagelang nicht zu Hause ist.

Dieses Paket habe ich allerdings nicht selbst bestellt, es war ein Geschenk. Zu Umwegen werden wir fast immer von außen gezwungen. Manchmal ist das auch gar nicht schlecht. Manche von uns würden sich sonst vermutlich nie bewegen.

In diesem Sinne, einen Gruß an den Paketboten!

Online-Maskenball

Ihr verwirrt mich. Glaube ich zumindest. Denn inzwischen bin ich nicht mal mehr sicher, wer Ihr überhaupt seid, weil Eure Fotos nur noch Blumen, Promis oder andere seltsame Motive zeigen. Ganz zu schweigen von Euren Namen.

Als das mit Facebook losging, war das anders – genau wie bei den VZ-Netzwerken. Am Anfang schien es niemanden zu stören, hier erkannt und gefunden zu werden. Eigentlich kurios, denn damals war es für die meisten Menschen doch noch etwas Neues, sich für alle sichtbar im Internet zu präsentieren.

Inzwischen ist das freilich anders. Auch wenn immer noch nicht ganz klar ist, welche Daten Facebook eigentlich für sich speichert (ich habe vor ein paar Tagen mal angefragt und bin gespannt), zumindest nach außen hin lässt sich das eigene Profil inzwischen ganz gut abschotten. Selbst innerhalb des vermeintlichen Freundeskreises kann – Vorbild google sei dank – inzwischen sehr detailliert differenziert werden, wer was zu sehen bekommt.

Vielen Menschen scheint das aber nicht zu reichen. Klarnamen werden durch Phantasienamen ersetzt, Profilfotos gegen identitäslose Bilder eingetauscht. Vermutlich, um von bestimmten Bekannten oder Kollegen gar nicht erst gefunden zu werden. Das Problem: auch als Freund (im Facebook’schen Sinne) weiß man irgendwann nicht mehr, wer sich eigentlich hinter “David Hasselhof”, “Blumenkind” oder “M.M.P.” verbirgt.

Ähnlich kompliziert machen es einem übrigens lange nicht gesehene Verheiratete, die den Namen ihres Mannes oder ihrer Frau angenommen haben und dann kommentarlos, aber mit neuem Familiennamen Freundschaftseinladungen verschicken. Aber das ist eine andere Geschichte.

In diesem Sinne, Gruß an alle unbekannten Bekannten!

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