Einmal “Leben”

“Einmal Leben”, sage ich. Hier war die Schlange am kürzesten. Wenn ich den Prospekt etwas eingehender studiert hätte, hätte ich gewusst warum.

Unter all den Auswahlmöglichkeiten des himmlischen Vergnügungsparks war “Leben” mit Abstand die unbeliebteste. Selten standen die Leute länger an als bis zu dem Schild “Wartezeit ab hier: 15 Minuten”. Kein Wunder: Ein Zuckerschlecken ist das Leben als Erdenmensch nicht gerade.

Als kleines Kind war ich überzeugt, dass nach dem Leben entweder Himmel oder Hölle auf die Menschen warten. Aber wer sagt eigentlich, dass wir nicht längst in dem einen oder dem anderen sind? Oder dass das Leben wirklich nichts weiter ist als ein Karussell in einem himmlischen (oder teuflischen) Vergnügungspark? Irgendwo zwischen Superachterbahn und Geisterschloss.

Kein System kann sich selbst vollständig analysieren – genau so wenig wie man sich selbst an den Ohren aus dem Moor ziehen kann. Immer wenn wir versuchen die Grenzen unseres Denkens zu erschließen, scheitern wir an denselben. Hin und wieder sollten wir beim Denken daran denken.

In diesem Sinne, noch mal Leben, bitte!

Sex im Flugzeug III

Um es vorweg zu nehmen: Der Titel passt eigentlich nicht mehr so richtig. In den letzten Monaten hat “nackt bügeln” nämlich “Sex im Flugzeug” (I und II) als beliebtesten Suchbegriff abgelöst, mit dem die Leute auf mein Blog kommen (in verschiedenen Variationen, zum Beispiel “Frauen bügeln nackt”, nackt beim Bügeln”, usw.). Kurz gesagt: Nackt bügeln scheint inzwischen extrem in zu sein – und Sex im Flugzeug völlig out.

Freilich beschäftigen sich nicht alle meine Leser mit Hausarbeit. Recht beliebt ist auch die Suche nach “Felix nackt” (immerhin acht mal in den vergangenen zwei Monaten) und “Autobahnparty”. Letzteres hing wohl mit der großen Party auf der gesperrten A40 vergangenen Monat zusammen.

Nicht wirklich nachvollziehen kann ich dagegen den- oder diejenige, die “sich selber googeln” gegoogelt hat. Aber ich muss ja auch nicht alles wissen. Schön fand ich dagegen “du bist anders, dich mag ich!” (mit Ausrufezeichen!).

In diesem Sinne, auch beim Googeln ist ja irgendwie der Weg das Ziel, oder?

Schrank im Kopf

Moreinput / pixelio.de

Mein Kopf muss von innen ziemlich komisch aussehen. Zumindest in meiner Vorstellung tut er das. Nicht nur, dass hier alles mögliche rumliegt, von dem ich mir nicht mehr sicher bin, wie es eigentlich hier hinein gekommen ist. Irgendwo in einer dunklen Ecke in der Nähe des rechten Ohrs steht zudem ein großer, verstaubter und spinnwebenverhangener Schrank. Ich benutze diesen Schrank eher selten, was vor allem daran liegt, dass ich gar nicht genau weiß, wie er funktioniert.

Der Schrank hat ziemlich viele Fächer. Die meisten davon sind ziemlich schwergängig. Manchmal springen sie aber  ganz von alleine auf und heraus krabbelt ein Mensch, der irgendwann in meinem Leben eine Rolle gespielt hat, dann aber wieder aus demselben verschwunden ist: Das hübsche Mädchen, neben der ich im dritten Semester mal im Hörsaal gesessen hab. Eine Urlaubsbekanntschaft von einem längst vergessenen Kurzurlaub. Eine Kneipenbekanntschaft aus einer Stadt, in der ich vor einer gefühlten Ewigkeit mal gewohnt habe.

Manchmal ist ein Geruch, ein Geräusch oder einfach nur ein Gedanke, der ein Fach plötzlich aufspringen lässt. Hin und wieder öffnen auch die Menschen, die aus dem Fach gekrochen sind, selbstständig weitere Fächer. Manchmal finden so kleine bis mittelgroße Partys in meinem Kopf statt, bevor die Menschen wieder einer nach dem anderen in ihren Fächern verschwinden.

Ich bin ziemlich sicher, dass nicht nur ich so einen alten, verstaubten Schrank im Kopf herumstehen habe. Ich habe sogar den Verdacht, dass auch ich in dem einen oder anderen Schrank im Kopf von Menschen sitze, die ich längst vergessen und/oder in meinem Schrank verstaut habe. Ein seltsamer Gedanke, finde ich. Aber kein schlechter.

In diesem Sinne, mein Fach bitte regelmäßig lüften!

Zeitstrahl

Hätte sie gewusst, was sie damit anrichtet, wäre ihr das Schlussmachen sicher leichter gefallen. Ihrer Entscheidung vor über zehn Jahren verdanke ich nämlich heute meinen besten Freund.

Wir kannten uns von der Schule, hatten aber nur sporadisch miteinander zu tun gehabt. Dass ich ausgerechnet ihn anrief, als sie entschied, mich nicht mehr zu wollen, lag vor allem daran, dass ich niemand anderen erreichte – und dass er nicht weit weg wohnte. Wir trafen uns in einer Pizzeria in der Nähe, wo wir ein paar Frustbiere tranken, blödes Zeug redeten und irgendwann entschieden, zusammen in den Urlaub zu fahren.

Rückblickend weiß ich, dass dieser Abend mein Leben verändert hat. Ich bin nicht nur gleich mehrere Sommer hintereinander mit B. in den Urlaub gefahren, bis heute kann ich mir keinen besseren Freund vorstellen. Er hat meinen Freundeskreis geprägt und viele spätere Entscheidungen beeinflusst, einfach, weil wir darüber gesprochen haben.

B. ist nicht allein. Wenn ich zurückdenke, gibt es gut zwei Hände voll von Ereignissen, die mein Leben entscheidend beeinflusst haben. Viele davon lassen sich auf dem Zeitstrahl ziemlich genau lokalisieren – genau wie dieses folgenschwere Biertrinken nach dem Verlassenwerden.

Doch: Was wäre eigentlich gewesen, wenn ich B. damals nicht angerufen hätte?

Ich finde diese Frage ziemlich unheimlich. Sollte das eigene Leben wirklich von solch banalen Entscheidungen und Zufällen abhängen (“Back to the Future”)?  Oder manifestiert sich in solchen Momenten nur besonders öffentlichkeitswirksam eine Richtung, die ohnehin längst eingeschlagen wurde (Gummibandtheorie)? Eine Antwort habe ich (noch) nicht.

In diesem Sinne, gute Reise auf dem Zeitstrahl!