Monthly Archive for February, 2010

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Weißt-Du-Noch?

Ich werde einmal einer dieser furchtbaren “Weißt Du noch”-Menschen sein. Vielleicht bin ich es sogar schon. Einer von denen, die einen Kassenbon aus einem alten Notizbuch ziehen und dann in Tränen ausbrechen, weil sie der Kassenbon an eine ganz bestimmte Situation aus der Vergangenheit erinnert. Ich werde mit dem Finger die einzelnen Positionen entlang fahren – Toast, Flasche Rotwein, Käse, Butter -, vielleicht ebenfalls weinen und dann “weißt Du noch” denken.

Mein Problem ist, dass ich sehr bewusst lebe. Andauernd verknüpfe ich Gedanken, Dinge, Gerüche und vieles mehr miteinander und lagere das ganze dann irgendwo in meinem Kopf (oder in meinen Notizbüchern). Oft weiß ich in dem jeweiligen Moment sogar schon, dass ich mich an ihn oder an meine Gedanken einmal mit einer gewissen Wehmut erinnern werde. Ist es dann soweit, reicht ein kleiner Impuls, um die entsprechenden Gedanken abzurufen.

Als ich gestern Abend über die Europabrücke über den Seerhein in Richtung Konstanz-Innenstadt gegangen bin, hatte ich so einen “Weißt Du noch”-Moment. Das heißt, eigentlich hatte ich sogar zwei: Ich habe mich an die ersten Male erinnert, die ich diese Brücke überquert und dabei aufs Wasser geguckt habe. Zugleich habe ich daran gedacht, wie eben dieser Moment gestern irgendwann ein “Weißt Du noch”-Moment sein wird.

In diesem Sinne, liebes Gestern, grüß mir noch heute das Morgen!

Provinzgroßstadt

Kann man eine Sinnkrise wohnen? Oder anders gefragt: Kann eine Stadt eine Sinnkrise haben? Wundern würde es mich jedenfalls nicht. Selbst eine Krise, wenn auch vielleicht keine mit Sinn, bekommt, wer einmal versucht hat, den Wikipedia-Eintrag zum Thema Stadt ganz durchzulesen. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Wenn ich sonntags nicht arbeiten muss, versuche ich ein ganz bestimmtes Sonntagsritual einzuhalten. Ich gehe joggen, kaufe auf dem Rückweg zu meiner Wohnung Brötchen und die Sonntagszeitung und mache mir dann zum Frühstück meine ganz spezielle Rührei-Variante (mit Tomaten und Schafskäse).

Seit ich aus Berlin weggezogen bin, ist es gar nicht so einfach, diesem Ritual treu zu bleiben. Schuld sind die Bäcker in den Orten, in denen ich in den vergangenen eineinhalb Jahren gewohnt habe. In Ravensburg und Neudingen gab es gar keinen in der Nähe. In Radolfzell schon, der verkaufte allerdings keine Zeitungen. Und in Konstanz habe ich zwei Bäcker zur Auswahl, die allerdings beide um elf schon wieder schließen und bei denen die Zeitungen oft schon um halb zehn ausverkauft sind.

Konstanz hat ungefähr 82.000 Einwohner, was die Stadt beinahe zur Großstadt macht (ab 100.000 Einwohner). Trotzdem ist es gar nicht so einfach, an einem Sonntag nach elf Uhr noch Brötchen zu bekommen. Auch wer Samstags nach ein Uhr nachts noch irgendwo was trinken, aber nicht in eine Großraumdisco gehen möchte, hat alles andere als die Qual der Wahl. Konstanz kann diesbezüglich schon ganz schön provinziell rüberkommen.

Andererseits ist Konstanz eine Studentenstadt, es gibt Menschen unter 30 auf der Straße – sogar mehrere! Und verglichen mit Neudingen (600 Einwohner), wo ich beim Joggen nicht nur Treckern, sondern manchmal sogar Kühen ausweichen musste, ist es tatsächlich so etwas wie eine Großstadt. Groß, klein – Konstanz scheint sich da nicht wirklich festlegen zu wollen.

Genau so geht es übrigens mir: Ich mag Konstanz, selbst wenn ich es immer noch mit ‘z’ und nicht (richtig) mit ‘sch’ ausspreche. Ich genieße das unkleinstädtische Flair genau so wie das dörfliche Flair, das dieser Ort verbreiten kann. Hin und wieder habe ich allerdings doch wieder das Gefühl, schlicht und einfach in der Provinz gelandet zu sein. Aber ich bin ja auch noch irgendwie neu.

In diesem Sinne, drei Brötchen und eine Zeitung bitte!