Herr Rossi

2009-09-14-Herr-RossiWir sind Herr Rossi. Das behauptet jedenfalls Florentine Fritzen. Die hat ein Buch mit dem schönen Titel “Plus minus 30 oder die Suche nach dem perfekten Leben” geschrieben. Darin kommt Herr Rossi zwar nicht direkt vor, der kleine italienische Mann mit Hut bringt den Inhalt aber ganz gut auf den Punkt – er sucht schließlich schon seit den 1970-ern das Glück.

Frau Fritzens Buch erscheint erst morgen, einen Vorgeschmack gab es aber schon gestern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. “Wir sind noch nicht alt und suchen das Glück”, heißt es da gleich zu Beginn. “Leider haben wir keine Ahnung, wo es sich versteckt. Deshalb gehen wir auf unserer Suche systematisch vor: Wir bemühen uns einfach, überall perfekt zu sein, und hoffen, dass sich das Glück dann von selbst einstellt.”

Diese systematische Glückssuche ist uns natürlich nicht wirklich bewusst, unser Streben nach Glück ist subtiler. Florentine Fritzen vergleicht es in ihrem Buch mit einer Coupon-Sammlung: Traumreise – ein Coupon, Traumjob – noch ein Coupon, Traumpartnerschaft – wieder ein Coupon. Wie ein Panini-Sammelalbum. Man muss nur genügend Kartenpäckchen kaufen, irgendwann sind alle Leerstellen gefüllt …

“Plus minus 30″ beleuchtet das, was ich an dieser Stelle salopp mit der Neon-Generation bezeichnen möchte. De Jure längst volljährige, meist einigermaßen gut ausgebildete Menschen, die sich trotzdem standhaft weigern, in letzter Konsequenz erwachsen zu werden – auch wenn sie längst Ende 20 oder sogar Anfang 30 sind. Erwachsen zu sein, das heißt schließlich, sich für einen Weg zu entscheiden – und das wollen wir um jeden Preis vermeiden: ”Im Studium haben wir uns daran gewöhnt, mehrgleisig zu fahren. Deshalb macht es uns jetzt Angst, dass sich immer mehr Möglichkeitsfenster schließen.”

An allen Fronten so viele Glückspunkte sammeln wie irgend möglich, so lautet die Devise. Die Idee, dass die Vorsilbe “Traum-” nicht alles ist, was zählt, scheint uns nicht zu kommen. Schade eigentlich. Ich habe nämlich den Verdacht, dass wir gerade durch das krampfhafte Streben nach Glück und Perfektion das Wichtigste verpassen.

In diesem Sinne, wie wäre es mit etwas mehr Mut zur Lücke?

Geschlossen

Das Licht war noch da, aber die Liegestühle waren weg. Und selbst das mit dem Licht war eher Zufall, denn eigentlich war der freundliche Mann hinter der Theke gerade dabei, noch schnell die letzten Gläser wegzuräumen, bevor er zumachte.

Uns hat er trotzdem noch jedem ein Bier verkauft. Wir hatten Glück, wären wir zehn Minuten später gekommen, hätten wir glatt das Ende des Sommers verpasst – die Strandbar hätte ohne uns das letzte Mal für dieses Jahr geöffnet gehabt.

Es ist komisch, wie sich bestimmte Zeitabschnitte rückblickend auf einige wenige Augenblicke zusammendampfen. Diesen Sommer war ich vielleicht fünf oder sechs Mal in der Strandbar im Paradies (der Stadtteil am Seerhein heißt dort wirklich so). Trotzdem habe ich den Verdacht, dass diese wenigen Abende in meiner Erinnerung einmal unter anderem stellvertretend für den Sommer am See 2009 stehen werden.

In meinem Kopf tummeln sich eine ganze Reihe, solcher Erinnerungen. Manchmal sind es mehrere Tage, dann wieder nur wenige Sekunden, die trotzdem irgendwie typisch für eine ganze Lebensphase waren. Das Traurige dabei ist: In dem Moment, wo sich so ein Gedankensplitter geformt hat, ist das dazu passende Äquivalent in der Realität normalerweise endgültig vorbei und Vergangenheit – geschlossen quasi. Aber das ist wohl der Fluch einer jeden schönen Erinnerung: Sie liegt nun einmal ihrer Natur entsprechend in der Vergangenheit.

In diesem Sinne, schönen Gruß an Früher!

Unansehnlich gesehen

Der Spruch ist nun nicht wirklich originell: “Gerade jetzt sehe ich echt scheiße aus.” Trotzdem stimmte er – und hatte in diesem Fall so gar nichts mit Fishing for Compliments zu tun. Ich war verschwitzt, trug ein altes T-Shirt und eine, den Löchern nach, wohl noch viel ältere Hose. Meine Frisur stand, allerdings nicht gut, eher irgendwie vom Kopf weg. Und als wäre das nicht genug hatte ich da diesen dicken, fetten Pickel links oben auf der Stirn.

Wie hätte ich auch ahnen können, dass sie ausgerechnet heute an der Kasse hinter mir stehen würde. Ich kannte sie schließlich nicht, entsprechend nebulös war meine Kenntnis ihrer Einkaufsgewohnheiten.

Ihr Parfüm allerdings gefiel mir. Es war das erste, was ich von wahrnahm, und dabei blieb es auch eine ganze Weile. Ich war mir des ersten Eindrucks, den ich machen musste, schließlich durchaus bewusst, und sie machte mich auch so schon nervös genug.

Sie dagegen schien meine Last-Minute-Einkäufe, derentwegen ich mich in diesem erbärmlichen Zustand aus dem Haus gewagt hatte, um so interessierter zu betrachten: Brot, Bier, eine Packung Käse, Nudeln und zwei Tomaten. Nichts, womit man bei Frauen Eindruck schinden könnte. Verdammt, warum hatte ich nicht irgendetwas dramatisches in meinen Einkaufswagen gepackt?

Um es kurz zu machen: Ich habe ihr noch ein wenig hinterher geguckt, als sie nach dem Bezahlen mit dem Fahrrad an mir vorbei gefahren ist. Angesprochen habe ich sie nicht. Ich fand mich schlicht zu unansehnlich. Ich würde mich nicht als übermäßig eitel bezeichnen, trotzdem würde ich einiges gegeben, dieser Frau noch einmal begegnen zu dürfen, wenn ich das Gefühl habe, mehr ich selbst zu sein. Ein Grund oder nur ein Vorwand?

In diesem Sinne, Gruß an die gut-riechende Unbekannte!

Unverhofft und Unerwartet

2009-09-06 unfallEine Freundin von mir ist kürzlich mit dem Fahrrad gegen ein parkendes Auto gefahren. Es war mitten in der Nacht, und es war ein dunkles Auto, daher unterstelle ich ihr, dass sie nicht absichtlich dagegen geradelt ist.

Im Gegenteil: Viel Zeit, sich auf den Zusammenstoß vorzubereiten, dürfte sie nicht gehabt haben. Ansonsten wäre der Aufprall wohl  auch für beide glimpflicher ausgegangen. Nun müssen beide mit den Beulen des Unfalls leben.

Es wäre gelogen, würde ich sagen, die beiden täten mir nicht leid – die Freundin noch mehr als das Auto. Allerdings illustrieren beide sehr nachdrücklich, wie unvorbereitet wir in der Regel vom Schicksal eingeholt werden.

Man sollte meinen, einer wichtigen Veränderung ginge in der Regel auch ein entsprechendes Vorspiel voraus. Eine unüberhörbare Warnung oder wenigstens eine eindeutige Ahnung, dass eine größere Veränderung ins Haus steht. Meist ist dem allerdings nicht so.

Als ich das erste Mal in meinem Leben Skifahren war, musste nur ein geliehener Skistock daran glauben. Meine Knochen blieben wider Erwarten heil. Als mich meine damalige Zeitschrift vor neuneinhalb Jahren in das gerade befriedete Kosovo schickte, ging ich am Vorabend mit einem reichlich komischen Gefühl joggen. Nach allem, was man mir erzählt hatte, war ich fast sicher, bei der Reportage-Reise mindestes ein Bein durch eine Mine zu verlieren.

Ich habe noch beide Beine. Dafür habe ich mir vor nicht all zu langer Zeit die Hand gebrochen, als ich mich sonntags-abends zum DVD-Gucken aufs Bett gesetzt habe. Auch habe ich noch heute einen etwas demolierten Zeh, weil ich 1997 in Spanien beim Duschen ausgerutscht und gegen den Türrahmen geknallt bin. Und dass ich nun in Konstanz wohne verdanke ich einer Bewerbung, die ich wegen einer zufällig besuchten Internetseite geschrieben habe.

Ja, tatsächlich scheinen uns die wirklich großen Ereignisse in der Regel nie dann zu erwischen, wenn auch damit rechnen. Das gilt bei versehentlichen Selbstverstümmelungen, die ein Leben für ein paar Wochen oder auch für immer durcheinander wirbeln; das gilt aber auch für fast alle anderen Umstürze, die sich vielleicht nicht in gebrochenen oder gar abgerissenen Gliedmaßen manifestieren, aber deswegen nicht weniger tiefschürfend sein müssen.

So oft wähnen wir uns am Vorabend einer bedeutenden Umwälzung zu stehen, ohne dass auch nur die geringste Veränderung auf uns wartet. Zugleich vermag es eine scheinbar banale Situation alles zu verändern, ohne dass wir es vorher auch nur geahnt hätten. Zum Guten, oder zum Schlechten. Und genau das ist der Haken an der Sache.

In diesem Sinne, Augen auf beim nächtlichen Radfahren!

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