Date

2009-04-13-hochspannungDie Amerikaner haben es leichter, sie haben klare Regeln. Weil ich kein Amerikaner bin, bleibt mir nur, selbst zu entscheiden. Nicht immer macht diese vermeintliche Freiheit das Daten leichter. Richtig kompliziert wird es allerdings, wenn nicht mal klar ist, ob es sich überhaupt um ein Date handelt.

Sie war nicht wirklich mein Typ. Andere Interessen, Weltsichten, Lebensphasen. Trotzdem wäre ich, mal rein von ihrem Aussehen her, sofort mit ihr ins Bett gestiegen. Sie hatte tolle Augen, eine aufregende Figur und einen schönen Mund. Das Problem dabei war allerdings: Ich mochte sie. 

Nicht, dass das für Variante eins ein grundsätzliches Hindernis dargestellt hätte. Es hätte in diesem Fall allerdings eine möglicherweise noch zerbrechlich keimende Freundschaft gefährdet. Andererseits war da schon so ein leichtes Kribbeln im Bauch. Und nur weil ich mir nicht sicher war, hieß das ja nicht, dass die Kategorie “Date” gleich völlig außen vor bleiben musste.

Zugegeben, manchmal wären im Hintergrund aufblinkende Warnschilder eine echte Hilfe. Etwas wie “Achtung! Sie betreten nun die Dating Zone” könnte durchaus einiges leichter machen. Andererseits würde es dem Date auch einiges an Spannung und damit an Spaß nehmen. Denn irgendwo geht es beim Date doch auch eben darum: Herauszufinden, ob es sich überhaupt um ein Date handelt. Gegensätze ziehen sich ja manchmal an, hab ich jedenfalls gehört.

In diesem Sinne, auf zur nächsten Verabredung!

Bedingt real

Mark ist 35 Jahre alt, gebürtiger Engländer und verdient als Lehrer seine Brötchen. Wie ich ist er heute Nachmittag angekommen. Wir schlafen im selben Mehrbettzimmer, das ist Anknüpfungspunkt genug, um den Abend gemeinsam mit einem Bier in der Hostelbar zu beginnen. Gemeinsam beobachten wir die Gruppe betrunkener Rugby-Spieler, die eigens für einen Junggesellenabschied nach München gekommen sind.

Außerdem treffen wir Anja. Sie ist Deutsche und sieht aus wie Bettina Böttinger. Nach einem Glas Wein verschwindet sie wieder, was nicht weiter schlimm ist. Viel zu sagen hatten wir uns nicht. Ärgerlich ist allerdings, dass es auch am nächsten Abend bei wenigen Sätzen bleibt. Gerne hätten wir uns länger unterhalten. Nicht mit Anja, sondern mit der hübschen ungarischen Freundin, die sie mitgebracht hat.

Statt dessen komme ich mit einer jungen Physiotherapeutin aus Philadelphia, USA, ins Gespräch. Wir sprechen über den Fung Wah Bus, ein von Chinesen betriebenes Busnetzwerk, das für wenig Geld Städte an der amerikanischen Ostküste verbindet. Wir hatten beide schon das Vergnügen, mit diesem durchaus eigenwilligen Transportmittel zu reisen und tauschen nun Anekdoten über die quasi-gemeinsame Erinnerung aus.

Der Abend wird lang, doch über den Weg nach Hause muss sich keiner Gedanken machen. Das Bett für die Nacht ist schließlich nur zwei Etagen höher gelegen im selben Gebäude.

Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Anders als eine normale Bar erfindet sich die Hostelbar jeden Abend neu. Kaum einer der Gäste kommt öfter als an drei oder vier Abenden hierher, denn dann hat er oder sie die Stadt schon wieder verlassen. Gut und gerne 50 Prozent der Besucher sind allein hier. Es ist leicht, Bekanntschaften zu schließen, denn Reiseerfahrungen sind ein noch dankbareres Thema als das Wetter und Anquatschen wird hier nicht direkt mit Abschleppen assoziiert (obschon auch das in einer Hostelbar meist einfacher ist).

Das Problem: Wie das Leben mit dem Rucksack sind auch die Treffpunkte der Rucksackreisende nur bedingt real. Sie sind ein Fluchtpunkt auf Zeit, keine Alternative zum wirklichen Leben. Das gilt für die Khao San Road in Bangkok genau so wie für die Bar des Hostels in einer Nebenstraße nahe des Münchner Hauptbahnhofs. Missen möchte ich allerdings beides nicht.

In diesem Sinne, gute Reise und viel Spaß beim Träumen!

Schildersprache

Ein Schild, zwei Worte, drei Fehler.
Kann natürlich auch Absicht gewesen sein …

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Na da bucht man doch gleich doppelt gern:

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Beide Schilder finden sich übrigens in München – Touren zu den Schildern können bei mir gebucht werden, ich kenne beide Schilder persönlich.

In diesem Sinne, gute Reise!

Relativitätstheorie

Wann war eigentlich „damals“? Wie schnell wird „vorhin“ zu „früher“? Und kommt es manchmal vielleicht einfach nur darauf an, wie man sich gerade erinnert?

In einer Vorlesung namens “Erhebungsverfahren” habe ich einmal gelernt, dass man niemals nach Zeiträumen fragen soll. Besser sind Ereignisse. “Haben Sie seit Neujahr Felix’ Welt gelesen?” ist besser als “Haben Sie in den vergangenen drei Monaten diese Seite aufgerufen?”. Zeit an sich ist relativ, ein bestimmter Bezugspunkt dagegen macht es leichter, sie nach “vorher” und “nachher” zu sortieren.

Das Problem: Nimmt man die großen Wegmarken zum Maßstab, ist die Zeit immer gerast. Zu gut habe ich noch das Bild vor Augen, wie ich Berlin mit dem vollgepackten Umzugswagen verlassen habe (an dieser Stelle noch mal ein herzliches Dankeschön an die zahlreichen Pack-Helfer!). Ist das wirklich schon zehn Monate her? Sogar an meinen Abschied von der Luftwaffe kann ich mich noch gut erinnern – und seitdem sind immerhin neun Jahre vergangen.

Anders ist das, wenn ich mich bewusst mache, was seitdem alle passiert ist. Fülle ich die Lücken zwischen den Ereignissen mit Inhalt, kann ein “gestern” leicht zum “damals” werden, so viel Erinnerung passt in die 24 Stunden große Lücke. 

Kurioserweise scheint das menschliche Gehirn so konstruiert, dass wir gerne beide Sichtweisen gleichzeitig absorbieren. Das verwirrt. Zu präsent ist das “damals”, obwohl das “gestern” doch eigentlich längst alle Kapazitäten ausgelastet hat. 

In diesem Sinne, auch die Relativität ist irgendwo relativ!

Dorfleben

Ich bin jetzt runter auf 700. Angefangen hatte ich bei 3,5 Millionen. Der Ort, in dem ich jetzt lebe, hat also nur ein 5000′tel (in Worten: ein Fünftausendstel) der Einwohner von Berlin – mich mitgerechnet. Ich habe für diese Verkleinerung gerade mal neun Monate und fünf Umzüge gebraucht. Das Verrückte daran: Ich finde das gar nicht mal so schlecht.

2009-04-04-dorfleben

Ich genieße es zum Beispiel, am frühen Abend auf meinem Balkon zu stehen (was ich dann sehe, seht Ihr oben, anklicken erlaubt). Das Joggen konnte ich heute morgen direkt vor der Tür beginnen, denn dort ist das Dorf zu Ende und die Felder und Äcker beginnen. Die Luft riecht angenehm würzig und klar. Gleich zwei Treckern musste ich bei meiner Laufrunde ausweichen. 

Außerdem habe ich einige Jugendliche getroffen. Sie dürften so um die 15 Jahre alt gewesen sein. Statt eines Hip Hop streuenden Handys trugen sie allerdings Musikinstrumente. Außerdem hatten sie seltsame Trachten an und grüßten artig, als ich an ihnen vorbei lief. (Im Internet habe ich später herausgefunden, dass sie offenbar zur örtlichen Kapelle gehörten, daher die Trachten. Die beiden übrigen nennenswerten Vereinigungen im Dorf sind übrigens die Freiwilligen Feuerwehr und die Fastnachts-Gruppe “Die Klosternarren”.) 

2008-04-04-baumIn Berlin war das anders. Da hatte ich keinen Balkon. Statt dessen konnte ich aus meinem Fenster auf den anderen Seitenflügel und in den Innenhof gucken. Lange Zeit stand hier ein einzelner Baum, bis er irgendwann umgeweht wurde und dabei eine Scheibe einschlug. Danach gab es keinen Baum mehr. 

Gejoggt bin ich in Berlin normalerweise auf einem Sportplatz. Zu dem musste ich allerdings erstmal etwa einen Kilometer über Bürgersteige und an Kinderwagen schiebenden Müttern vorbei laufen. Die Luft war dabei höchstens erfüllt von Abgasen, und im Winter hat man die immer noch aktiven Kohleöfen gerochen – meine eigene Ofenheizung eingeschlossen.

Ja, man sollte meinen, jetzt ist alles besser, und ich bin endlich angekommen. Stimmt, sage ich. Allerdings habe ich den entscheidenden Faktor, warum es mir hier so gut gefällt, noch gar nicht genannt: Weil ich in drei Monaten wieder wegziehen werde. Ich genieße das Dorfleben – weil ich weiß, dass es nicht für immer ist.

In diesem Sinne, einmal Großstadt – immer Großstadt?

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