Menschenträgheit

2009-04-26-apfelMassen mögen keine Veränderung. Das stellte Isaac Newton schon 1687 fest und formulierte das Trägheitsprinzip  in seiner Naturphilosophie als erstes von drei Gesetzen über die Bewegung. Ein Körper bleibt demnach so lange in Bewegung (oder eben nicht in Bewegung), wie keine hinreichend starke Kraft ihn zwingt, sich anders zu verhalten. 

Auch Menschen, egal wie massig, sträuben sich von Natur aus gegen Richtungswechsel. Einmal in Schwung gebracht braucht es eine ziemliche Kraftanstrengung, um die einmal gewählte Fahrtrichtung zu ändern. Das gilt sowohl für den Menschenkörper als auch für dessen Gefühle. An unseren Emotionen kleben wir, egal, wie sinnvoll sie sind.

Das gilt auch für mich. Ich hatte nicht wirklich geglaubt, dass ich mich in sie verlieben könnte. Trotzdem übte die Vorstellung einen gewissen Reiz auf mich aus. Das Kribbeln im Bauch und das gute Gefühl, zu wissen, das da jemand sein könnte, war verlockend. Kurz: Mir gefiel die Idee, also verfolgte ich sie weiter.

Dass mein Plan schief gehen könnte, wusste ich. Nur hatte ich irgendwie verdrängt, wie unangenehm es ist, eine Idee wieder loszulassen. Die Spielzeugtheorie besagt, es ist  dann besonders fies, wenn man uns etwas wegnimmt, und wir wissen nicht warum. Ich dagegen weiß sehr genau, warum aus ihr und mir nichts werden wird. Außerdem bin ich selbst derjenige, der dabei ist, mir etwas wegzunehmen. Fies fühlt es sich trotzdem an. 

In diesem Sinne, was wohl Newton dazu sagen würde?

Geht das?

Manchmal google ich Straßennamen. Nicht, weil ich dort hinfahren möchte. Im Gegenteil: Ich google sie, weil ich von dort einmal weggefahren bin. 

Google ich meine alte Adresse in Berlin stoße ich immer noch als erstes auf den privaten Puff im Erdgeschoss. Unter den übrigen Suchergebnissen finde ich oft Anzeigen von den WGs aus dem Vorderhaus, in denen ein neuer Mitbewohner gesucht wird. In gewisser Weise ist das, als würde ich beim Kochen noch immer unfreiwillig den Gesprächen meiner Nachbarn durch das geöffnete Fenster zuhören.

Ungefragt präsentiert mir die Suchmaschine außerdem jedes Mal einen kleinen Kartenausschnitt von der Gegend, die einmal mein Zuhause gewesen ist. Viel ist darauf nicht zu erkennen, doch mir reicht es. In Gedanken kann ich die Schönhauser Allee noch immer problemlos hinunter gehen und die zahlreichen Seitenstraßen abwandern. Ganz klar steht mir das Bild vor Augen.

Die Idee dagegen, irgendwann einmal wieder im wahren Leben dort entlang zu schlendern, erscheint mir immer noch seltsam surreal. Wie soll ich durch Berlin laufen, ohne auch dort zu wohnen? Komisch, dass mir diese Idee so verrückt erscheint, oder?

In diesem Sinne, Grüße an meine Ex-Heimat!

Zweckgebunden

Sie ist praktisch. Ihr ist es zu verdanken, dass man auf die Toilette gehen kann, ohne etwas zu verpassen. Leider funktioniert sie nur bei DVDs. Was das reale Leben angeht, sucht man die Pause-Taste – zumindest bis jetzt – noch vergebens. Dabei ist es, wenn man so darüber nachdenke, schon unheimlich, wie gnadenlos die Zeit vergeht. Denn seien wir ehrlich: meistens vergeht sie falsch.

Achterbahnfahrten zum Beispiel: immer zu kurz. Genau wie Urlaube. Kaum hat man angefangen mit dem Erholen sind sie auch schon wieder vorbei. Die letzten Tage vor dem Urlaub dagegen ziehen sich normalerweise wie Kaugummi. So wie die Zeit beim Anstehen vor der Achterbahn.

Kurios wird es, wenn man etwa auf ein Vorstellungsgespräch oder ähnliches wartet. Die fünf Minuten zwischen dem freundlichen “Hallo, nehmen Sie doch schon mal Platz” der Sekretärin und dem Eintreffen des Personalchefs haben die Tendenz zum Kriechen. Trotzdem wäre eine Pause-Taste jetzt genau das richtige, um die letzten Sekunden vor dem entscheidenden Gespräch doch noch ein wenig zu verlängern (und im Zweifelsfall noch mal auf die Toilette zu gehen).

Zugegeben, das sind jetzt nichts weiter als Gedankenspiele. Schlimmer noch: Denkt man sie zu Ende, bleibt nicht viel mehr als die Erkenntnis, dass die Zeit so oder so vergeht. Ich interessiere sie dabei nicht die Bohne. Hätte ich mir eigentlich denken können: Das mit dem Zwischenspeichern hat schließlich auch schon nicht funktioniert.

In diesem Sinne, ich geh mal auf Toilette …

Ein Angebot

Er sprach mich an, als ich schon auf dem Weg zurück war. Wie an den anderen Abenden auch hatte ich zunächst eine kleine Runde durch meine, am Ortsrand gelegene Straße gedreht. Anschließend war ich über die Felder und in Richtung Berg gelaufen, bevor ich auf dem selben Weg zu meiner Wohnung zurück trabte.

“Hallo”, rief er und kam durch seinen Garten auf mich zugestapft. “Hallo”, wiederholte er, während ich stehen blieb. Nur ein Gartenzaun trennte uns jetzt noch. Er habe mich laufen gesehen, sagte er. Heute und auch an den übrigen Tagen. Auch seiner Frau sei ich aufgefallen. Darum müsse er mich nun einfach fragen. Ich sei doch neu hier, was mich hierher verschlagen hätte, und wo ich denn überhaupt wohnen würde.

Ich antwortete brav, erzählte von meinem Ferienwohnungs-Domizil, meiner Arbeit und warum ich nun hier wohnte. Als ich fertig war, rückte der Mann ein wenig näher an den Zaun heran. “Seit Januar gibt es diesen Verein”, erzählte er. “Wir treffen uns einmal in der Woche. Manchmal sind wir nur zu dritt, manchmal auch bis zu 20.”

Der Mann hinter dem Gartenzaun machte eine Kunstpause. “Vielleicht haben Sie ja Lust, mal mitzumachen?”, sagte er anschließend. “Der Lauftreff trifft sich immer Dienstags.” Ich schätze, mit diesem Angebot bin ich nun offiziell in der Dorfgemeinschaft integriert.

In diesem Sinne, frohes Laufen!

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