Monthly Archive for January, 2009

Aber nicht zuhören!

Was geht in diesen Leuten vor? Ein ganz normaler Pressetermin. Viele unglaublich wichtige Menschen, mindestens genau so viele, die es nicht sind. Sie sind es aber, die mich besonders interessieren. Also mische ich mich am Ende des offiziellen Teils in Menge.

Ich spreche sie an und stelle mich artig vor. Ich sage, dass ich für Zeitung xy schreibe und für meinen Artikel gerne eine persönliche Einschätzung von ihnen hätte, eben abseits der gerade zur Genüge konsumierten aalglatten Politiker-Sprüche.

Sie nicken. Aus manchen sprudelt es dann heraus, Meinungen im Sekundentakt. Andere tasten sich langsamer an das Thema heran, tauen nur Stück für Stück auf und quetschen dann ihre, wie man meinen könnte, wohl durchdachten Ansichten nur brockenweise heraus, während ich sie auf meinem Block mitkritzel. 

Kurios wird es am Ende des Interviews. “Das wollen Sie sie jetzt aber nicht in der Zeitung schreiben, oder?” ist eine der häufigsten Fragen, die mir dann gestellt wird, und ich frage mich, wieso ich mich am Anfang überhaupt vorgestellt habe. 

In diesem Sinne, keine falsche Höflichkeit!

Sektlaune

2009-01-21-sektlauneEin kurzer Brief, eine beiliegende Pressemitteilung und das freundliche Angebot, bei Veröffentlichung eben dieser eine Flasche Sekt zu spendieren. Ich gebe zu, ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich das Schreiben mit eben diesem Inhalt auf meinem Schreibtisch in der Redaktion gefunden habe.

Bestechung? Nicht wirklich, das Essen bei manch einem offiziellen Termin übersteigt den Wert einer Flasche Sekt bei weitem. Dennoch hat es einen schalen Beigeschmack, einen Tausch – Artikel gegen prickelnden Wein – so offen angeboten zu bekommen.

Naja, Sekt ist eh nicht so meins … In diesem Sinne!

Single-Supermarkt

Singles sollen in den Supermarkt gehen. Ein Blick in den fremden Einkaufswagen sagt schließlich mehr über den oder die andere aus, als es tausend oder mehr Worte beim ersten Gepräch je könnten. Was für ein Mensch ist sie? Was mag sie, was nicht? Kauft sie nur für sich ein, oder warten zu Hause ein Mann und drei Kinder?

Ich weiß nicht mehr genau, wo ich das gelesen habe. Es macht aber Sinn, zumindest theoretisch. Besonders schlau müsste es, den Gedanken einmal weitergesponnen, dann auch sein, kurz vor Ladenschluss einkaufen zu gehen. Singles arbeiten lang, sie scheuen keine Überstunden und hetzten auf dem Rückweg noch kurz vor Ladenschluss durch die Regalreihen, um sich mit Tiefkühlpizza und Rotwein einzudecken.

Soweit die Theorie. In der Praxis scheinen es aber vor allem die Verrückten zu sein, die kurz vor knapp noch ihre Einkäufe auf das Band an der Kasse hieven. Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls gestern.

Ich war an diesem Abend verabredet und wollte nach der Arbeit noch schnell eine Flasche Wein besorgen. Schon am Eingang wäre ich aber fast über eine alte und fast haarlose Frau gestolpert, die sich mit einem tiefschwarzen Kajalstift Augenbrauen auf die blanke Stirn malte. In der freien Hand hielt sie ihre beiden Einkaufstüten, welche sie sanft hin und her wogte.

Als ich mit meinem Wein an der Kasse stand, wippte vor mir ein Typ in Trainingshose unruhig hin und her. Unter dem einen Arm hielt er tatsächlich besagte Tiefkühlpizza, mit dem anderen dirigierte er seine Freundin zwischen den Regalreihen hin und her. Beeilen solle sie sich gefälligst, er sei nämlich gleich mit Bezahlen dran.

Die Eile war dabei völlig unnötig, denn die Frau vor ihm brauchte geschlagene viereinhalb Minuten, um sich zu entscheiden, ob sie zwei Jogurts, eine kleine Packung Toastbrot, eine Packung Streichkäse und einige weitere Kleinigkeiten in einer kleinen oder doch lieber in einer großen Tüte verstauen wollte. Ich glaube, sie war solo. Ich fürchte, ich weiß aber auch warum.

In diesem Sinne, jeder Tipp hat offenbar zwei Seiten!

Verschwommen

2009-01-17-nebelDas Monster fehlt, ansonsten ist das Setting ist perfekt. Nebelschwaden wabern durch das Bild, man kann kaum zehn Meter weit sehen. Nur vereinzelt dringen Geräusche durch die Dunstwolken. Man hat tatsächlich das Gefühl, mitten in einem Horrorfilm zu sein.

Eigentlich sollte ich mich ja mittlerweile  den Bodensee-Nebel gewöhnt haben, der zu dieser Jahreszeit morgens, abends und nachts allgegenwärtige Dunst fasziniert mich noch immer. 

Vom Bahnhof zu meiner Wohnung sind es zu Fuß ungefähr zehn bis 15 Minuten. Im Nebel scheinen diese Zeitangaben allerdings gänzlich ihre Bedeutung zu verlieren. Was hinter mir ist verschwimmt ebenso plötzlich, wie das, was vor mir liegt. Alles reduziert sich auf die paar sichtbaren Meter um mich herum. Manchmal wünsche ich mir, der Rest des Lebens wäre ebenfalls so übersichtlich. 

Komisch eigentlich, denn manchmal frage ich mich, ob die Dinge außerhalb des Nebels wirklich so kompliziert sind – oder ob wir sie nur so kompliziert machen.

In diesem Sinne, nicht einhüllen lassen!

Winter in Singen

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Speiseplan

Ob man Flachbildschirme essen kann? Auf dem Weg zwischen der Redaktion und meiner Wohnung komme ich immer an einer Art Einkaufszentrum vorbei. In einem großzügig gestalteten Gebäudekomplex sind ein großer Supermarkt und ein für seine Werbung bekannter, großer Elektro-Fachmarkt untergebracht.

Da mein Kühlschrank mehr als ausgehungert war (ich übrigens auch), kehrte ich in ersterem ein. Interessanterweise schien ich damit einer Minderheit anzugehören.

In beiden Läden waren noch drei oder vier Kassen geöffnet. Während in dem Elektro-Fachmarkt aber freitags um halb acht an allen offenen Kassen lange Schlangen darauf warteten, Geld gegen Ware zu tauschen, musste ich in dem Supermarkt überhaupt nicht anstehen.

Kaufen sich die Leute mittlerweile lieber Digitalkameras und DVD-Rekorder statt Lebensmitteln oder habe ich mir einfach ein extrem antizyklisches Einkaufsverhalten angewöhnt? Und wenn ja, wann kauft man denn heutzutage Lebensmittel ein, wenn man, wie es sich für Stoßzeiten gehört, noch vernünftig anstehen und sich hinterher darüber aufregen möchte?

In diesem Sinne, nicht die ganze Fernbedienung auf einmal essen!

Vorsorgefreiheit

Ich fühle mich ungern eingeschränkt. Das war schon immer so. Wenn ich etwas nicht tun kann, wurmt mich das. Es fühlt sich an, als wäre ich eingesperrt. Dabei ist es relativ egal, ob ich es tatsächlich tun will, entscheidend ist, dass ich könnte

2009-01-12-visum

Seit heute müssen sich Reisende in die USA im Vorfeld online registrieren, um einreisen zu dürfen. Man muss seine Passnummer angeben und sich durch ein Formular klicken, ähnlich dem, das man bisher im Flieger ausfüllen musste. (Gut erinnere ich mich noch an das großartige Erklär-Video, in dem immer wieder erklärt wurde, dass eine amerikanische 1 kein Häkchen hat, weil sie sonst eine 7 ist).

Die Einreisegenehmigung kommt dann angeblich binnen 72 Stunden. Wer kurzfristiger fliegen will, der braucht Glück. Gerade Geschäftsreisenden wird daher empfohlen, sich präventiv anzumelden. Einmal bewilligt ist die Einreisegenehmigung für zwei Jahre gültig.

Mir stößt dieses Verfahren übel auf, das sage ich offen. Dennoch denke ich darüber nach, mich ihm dennoch zu unterziehen. Nicht, weil ich damit rechne, kurzfristig dienstlich in die Staaten geschickt zu werden. Ich möchte mir schlicht die Möglichkeit offen halten. (Zugegeben, schlecht fände ich es nicht: Herr Neubüser, fliegen Sie nach Washington und befragen sie Obama, wie er sich kurz vor dem Amtsantritt fühlt!). 

Vielleicht entspringt die Idee demselben Grund, aus dem ich damals, vor Jahren, meinen ersten Pass beantragt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich damit reisen wollte, doch wenn es soweit war, wollte ich vorbereitet sein. Ohne Pass hätte ich mich eingesperrt gefühlt.

Komisch eigentlich, denn wenn ich mich richtig erinnere, dann war der erste Stempel in diesem Pass der von der Immigration am John-F.-Kennedy-Airport in New York. Aber das nur am Rande.

In diesem Sinne, viel Erfolg, Mr. Obama!

Fluchtpunkt

2009-01-11-jever1Gerade weil sie vorbei ist, ist sie gefährlich. An manchen Tagen ist es leicht, sich in ihr zu verlieren. Gut ist das nicht. Sich zu sehr auf die Vergangenheit zu konzentrieren bedeutet, das Hier und Jetzt zu vernachlässigen. 

Trotzdem gibt es diese Tage, an denen ich einfach nicht anders kann. Eine Erinnerung jagt die nächste. In süßer Melancholie gefangen spaziere ich in Gedanken die alten Wege ab, verliere mich in Reiseerinnerungen und Momentaufnahmen früherer Leben.

Immer neue Bilder tauchen vor meinen Augen auf. Gerüche, Gedanken, sogar Geschmäcke. Etwa das herbe Jever-Aroma, das ich immer noch auf der Zunge spüre, wenn ich an die ersten Besuche in Wuppertal denke, als ich noch in Berlin gewohnt habe. Es war das Bier, das mein Vater kalt gestellt hatte, wenn ich am Abend in Wuppertal aus dem ICE gestiegen bin. 

Die Biersorte hat mittlerweile gewechselt, doch der Vorteil der Reise ins Damals liegt auf der Hand: Die Vergangenheit ist wie ein gelesener Roman, man kennt ihr (vorläufiges) Ende. Bei den Dingen, die mir heute Sorgen machen, weiß ich noch nicht, wie sie sich entwickeln. Das “Früher” ist da deutlich unkomplizierter. Ein toller Fluchtpunkt für die Gedanken eben. 

Hinzu kommt, dass die zeitliche Distanz relativierend wirkt. Rückblickend, im Gesamtkontext betrachtet, wirkt heute vieles leichter, was früher tonnenschwer auf meinen Schultern zu lasten schien. Wie erfrischend unbedeutend sind heute die Sorgen von damals, denn fast alle davon haben sich – so oder so – erledigt.

Keine neue Erkenntnis, eigentlich. Komisch wird das Ganze trotzdem. Nämlich immer dann, wenn man sich bewusst macht, dass auch das Jetzt irgendwann zu einem Früher und damit ebenfalls zu einem potenziellen Ziel für eine Flucht aus der Realität wird.

In diesem Sinne, gute Reise auch!

Metzgerei Müller

2009-01-09-metzgereimullerEs sind die kleinen Dinge, die mich immer noch überraschen. Zum Beispiel Bushaltestellen.

In Berlin hießen die Haltepunkte noch klangvoll “Alexanderplatz”, “Schönhauser Allee” oder wenigstens “Mehringdamm”. Hier ist man da pragmatischer: “Metzgerei Müller” steht auf dem Haltestellenschild unweit meiner Wohnung.

Das ist auch gar nicht mal falsch, der Bus hält hier tatsächlich direkt vor eben jener Metzgerei Müller. Trotzdem frage ich mich, was es über einen Ort aussagt, wenn die Bushaltestellen nach Metzgereien benannt werden …

In diesem Sinne, ein halbes Pfund Hack bitte!

Programmauswahl

2009-01-07-fernseherFernsehen macht alt. Oder treffender formuliert: Es lässt die Zeiger auf meiner Uhr schneller im Kreis herum laufen. So jedenfalls mein Gefühl.

Der Fernseher aus meiner Berliner Wohnung steht bei meinen Eltern im Keller. Ich habe ihn in Ravensburg nicht vermisst. In der Ferienwohnung, in der ich zur Zeit wohne, habe ich wieder einen Fernseher. Ich finde es unheimlich, wie schnell ich mich wieder daran gewöhnt habe – und wie viel Zeit ich mit sinnlosem Hin- und Hergeschalte verbringen kann. 

Eine Frage drängt sich mir dabei allerdings auf: Ist das Programm einfach so schlecht, dass ich andauernd auf etwas besseres hoffe und darum immer wieder umschalte – oder ist es so gut, dass ich mich einfach nicht entscheiden kann? 

In diesem Sinne, fragen wir doch Herrn Reich-Ranicki!