Der Klassenfahrt-Symptom

Wenn die Situation stimmt, kann man praktisch mit jedem rumknutschen. Die Atmosphäre ist dann entscheidender als die Person, mit der es passiert. Diese Erkenntnis stammt nicht von mir, sondern von einer guten Freundin. Ich denke allerdings, dass sie damit im großen und ganzen durchaus Recht hat. Ich nenne es den Klassenfahrteffekt (oder: eines der Symptome).

Ich kenne es von mir selbst, aber auch von Vereinsfahrten, die ich als Aufsicht begleitet habe und entsprechend das Spiel als Außenstehender verfolgen konnte. Wenn die Auswahl begrenzt ist, finden sich plötzlich Paarungen, mit denen man sonst nie gerechnet hätte (und freilich auch solche, mit denen schon lange alle gerechnet haben).

Das Ganze ist vielleicht mit einem Multiple-Choice-Test zu vergleichen. Wären keine Antwortmöglichkeiten vorgegeben, würde man vielleicht etwas ganz anderes schreiben. Da man sich aber zwischen A, B oder C entscheiden muss, tut man es eben.

Entscheiden muss? Natürlich kann man das mit dem Ankreuzen auch einfach lassen. Trotzdem inspirieren offenbar gerade vermeintliche Ausnahmesituationen zum Kreuzchen-Machen. Das kann eine Klassenfahrt, eine Schulung oder eine Betriebsfeier sein. Wenn also plötzlich Faktoren einfließen, die den Aspirantenkreis für eine Zeit begrenzen und eine Art Ausnahmezustand vorgaukeln.

Anders formuliert könnte man sagen: Stimmt die Stimmung, tritt die Person in den Hintergrund, bei der richtigen Person ist die Stimmung auch gerne mal zweitrangig. Doch, was ist schon richtig … und was eigentlich Stimmung?

In diesem Sinne, gute Reise!

Nachttrümmer

Als hätte jemand seine Sammlung komischer Menschen verloren. Alle sind da: die Coolen und die weniger Coolen, die Schnapsleichen aus den Eckkneipen und die halbstarken Möchtegern-Rapper aus den Teeny-Bars.

Kleine Mädchen bibbern in Röcken, die sowohl für die Jahreszeit als auch für das Alter der Trägerinnen viel zu kurz sind, 15-Jährige Jungs vertiefen sich in Begrüßungsrituale, die vermutlich über Monate einstudiert wurden und nun zum ersten Mal auf der großen Bühne präsentiert werden.

Die Bühne, das ist in diesem Fall der Busbahnhof im Zentrum von Wuppertal-Elberfeld. Einmal in der Stunde, immer um zehn Minuten nach, fahren von hier am Wochenende die Nachtexpresse der Wuppertaler Stadtwerke sternförmig in die umliegenden Stadtteile.

Zehn Minuten am Busbahnhof warten bedeutet, das Wuppertaler Nachtleben auf 600 Sekunden zusammen geschrumpft präsentiert zu bekommen. Theoretisch. Praktisch sind es vor allem die Trümmer der Nacht, die sich hier versammeln. 

Früher habe ich wohl mal dazu gehört, doch das ist Jahre her. Mittlerweile fühle ich mich ganz wohl, das Schauspiel nur noch als Zuschauer zu verfolgen. 

In diesem Sinne, ein Hoch auf das Alter!

Spießer

Jetzt ist es soweit, ich bin ein Spießer. Nicht nur das: ich habe es sogar mit meiner Unterschrift bestätigt. Seit vorgestern bin ich Bausparer. 

Zugegeben, so schlimm, wie es klingt, ist es nicht. Weder plane ich, in nächster Zeit ein Haus zu bauen, noch spiele ich wirklich mit dem Gedanken, jetzt dauerhaft sesshaft zu werden. Im Gegenteil: Schon jetzt weiß ich, dass ich im nächsten Jahr mindestens drei Mal umziehen werde – vielleicht sogar öfter. 

Für meine Generation ist das ganz normal, habe ich mir sagen lassen. Wer arbeiten möchte, der muss flexibel sein. 

Mich stört das, zumindest im Moment, nicht sonderlich. Im Gegenteil, ich genieße es, immer neue Städte für mich zu entdecken, mein Hab und Gut jederzeit in meinem Auto verstauen zu können und weiter zu ziehen. 

Doch was ist mit den Leuten, die jetzt mit 30 tatsächlich den sprichwörtlichen Baum pflanzen und Kinder zeugen wollen? Die irgendwann genug haben von möblierten Apartments und hastig gesuchten Einzimmerwohnungen, von Fernbeziehungen und von Freundeskreisen, die sich alle paar Monate neu in der Welt verteilen? Was ist mit all denen, die mit einem Bausparvertrag tatsächlich bauen wollen?

Ich kann verstehen, wenn diese Menschen das Wort “Flexibilität” nicht mehr hören können, weil sie keine Nomaden mehr sein möchten. Die Sehnsucht danach haben, mit einer gewissen Sicherheit in die nächsten zehn oder gar 20 Jahre zu gucken. 

Letzte Nacht habe ich geträumt, dass ich selbst in eben dieser Situation bin. Ich war verheiratet und hatte ernsthaft vor, Vater zu werden. Es war ein sehr realistischer Traum. Ob der Bausparvertrag vielleicht nur der Anfang war?

In diesem Sinne, weckt mich, wenn es soweit ist!

Loch im Kopf

2008-12-21-lochEinfach weg. Als hätte jemand ein Loch in meinen Kopf gebohrt, den Namen gepackt und dann mitgenommen. Übrig blieb das Loch.

Gestern musste ich plötzlich wieder an sie denken. Eine Kollegin, nicht mal eine, mit der ich viel zu tun gehabt hatte, aber eine, die ich immer sympathisch gefunden hatte. Trotzdem hatte ich nicht einmal gemerkt, dass ich sie völlig vergessen hatte. Ich hatte das Loch im Kopf schlicht übersehen.

Sowas passiert mir immer wieder. Es ist wohl auch normal. Würde man alle Menschen, die man im Laufe eines Lebens kennenlernt, im Kopf behalten, würde der Kopf wahrscheinlich irgendwann platzen. 

Trotzdem frage ich mich, wer sich da wohl noch so alles still und heimlich aus meinem Kopf gestohlen hat – und in wie vielen Köpfen ich selbst schon ein heimliches Loch hinterlassen habe. 

In diesem Sinne, hin und wieder mal das Haupt abtasten!

Kühlschrankphilosophie

2008-12-15-ab“Hallo. Ich bin der Kühlschrank. Ich vertrete den Anrufbeantworter. Wenn sie etwas zu sagen haben, nach dem Piep. Ich hänge dann einen gelben Zettel an meine Tür.”

Hätte ich gewusst, dass der Kühlschrank dran geht, ich hätte mir einen anderen Text überlegt. So aber hielt ich das Telefon eher ratlos weiter ans Ohr und stotterte das vor mich hin, dass ich ohnehin hatte sagen wollen. “Herzlichen Glückwunsch” und “Sie haben bei unserem Weihnachtsgewinnspiel gewonnen.”

Der Kühlschrank antwortete nicht, was ich schade fand. Hätte so ein Kühlschrank doch sicher einiges zu erzählen.

In diesem Sinne, Gruß an den Toaster!

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