Un-cool

Sie stehen in Fußgängerzonen, vor Einkaufszentren und auch gerne in der Nähe von Universitäten. Oft tragen sie auffällig grelle Jacken, und meist sind sie zu mehreren, denn das erschwert ihren Opfern die Flucht.

Ihre Waffe sind kleine, bunte Zettel, die sie mit einem gekünsteltem Lächeln unter die Leute zu bringen versuchen. Normalerweise weiche ich Ihnen aus, heute wäre das allerdings nicht mal nötig gewesen. 

Es war in Friedrichshafen, irgendwo in der Fußgängerzone. Ich hatte gerade eine Jeans gekauft, als ich das Promo-Team sah. Sie waren zu viert, zwei Jungs, zwei Mädels. Sie standen leicht versetzt, so dass sie die gesamte Breite der Einkaufsstraße abdecken konnten. “Party” stand in großen, schreienden Lettern auf den Flyern, von denen jeder der vier einen Packen in der Hand hielt.

Was sonst noch auf dem Flugblatt stand, weiß ich nicht. Zwar musterten mich gleich zwei der vier Flyer-Verteiler, beide entschieden sich aber nach kurzem Überlegen dafür, mich zu ignorieren. Offenbar zählte ich nicht zu ihrer Zielgruppe. Ich gebe zu, das irritierte mich, denn es war eine neue Erfahrung.

War ich zu alt? Nicht cool genug? Traute man mir “Party” schlicht nicht zu? Fast war ich versucht stehenzubleiben, um zu beobachten, wer wohl statt dessen in den Genuss der kleinen, bunten Zettel kam. 

Ich habe es mir verkniffen. Schließlich wäre das erst recht uncool gewesen. Außerdem bin ich mittlerweile nun einmal 29 – ein gutes Alter also, um sich über derartige Dinge keine Gedanken mehr zu machen. Da gibt es wichtigeres, sagte ich mir und war damit so beschäftigt, dass ich fast vor das grellbunte Plakat gelaufen bin, dass etwas schief an einem Laternenmast hing.

“Party” stand darauf in mir wohlbekannten großen, schreienden Lettern. Darüber und etwas kleiner: “Ü-30″.

In diesem Sinne, der erste Gedanke ist wohl nicht immer der Beste!

Priority Boarding

In einem Flugzeug zu sitzen macht keinen Spaß. Vielleicht tut es die Tatsache, in relativ kurzer Zeit irgendwo hin zu kommen oder auch, in ebenso kurzer Zeit von irgendwo anders weg zu kommen, aber nicht das im Flieger sitzen selber.

Es ist eng, es ist laut und schlecht temperiert. Außerdem sitzen in jedem Flugzeug jede Menge Menschen, mit denen man sich unter normalen Umständen keinen so engen Raum freiwillig teilen würde. Kurz: keine sehr angenehme Situation. Dennoch scheinen es die meisten Menschen es unglaublich eilig zu haben, in eben jene Situation zu kommen.

In Stansted werden die Gates zu den Flügen normalerweise 50 Minuten vor Abflug auf den Bildschirmen hinter dem Security Check bekannt gegeben. Weil zumindest tagsüber alle paar Minuten ein Flieger geht, stehen oft ganze Menschentrauben um die Monitore und warten ungeduldig darauf, den zu ihrem Flug passenden Ausgang zu erfahren. Ist es dann so weit, eilen sie zu den Flugsteigen, um auch ja ganz vorne in der Schlange fürs Boarding zu stehen. Fast, als fürchteten sie, sonst nicht mehr mitgenommen zu werden.

Das gilt sowohl für die Passagiere, die Billigflieger, also keinen festen Sitzplatz, gebucht haben als auch für diejenigen, auf deren Ticket ohnehin eine reservierte Platznummer vermerkt ist. Die meisten Billigflieger lassen es sich mittlerweile sogar bezahlen, wenn jemand besonders früh an Bord gehen will. Sie nennen es  ”Priority Boarding” – und finden anscheinend jedes Mal ein paar Dumme, die für diesen vermeintlichen Service ein paar Euro mehr anlegen.

Verrückt, eigentlich. Bedeutet es doch, noch mehr Zeit im Bauch der Boeings und Airbusse zu verbringen, als ohnehin schon notwendig. Hinzu kommt, dass wer zuerst kommt, sich selten aussuchen kann, wer die Plätze neben ihm oder ihr belegt. Denn hier wird sich später irgendwer dazu setzen und das kann, wie ich etwa beim Flug nach Riga bemerkt habe, durchaus auch ein trinkfreudiger Lette oder eine freundliche Mutter samt schreiendem Baby sein.

Der späte Vogel hat es hier deutlich besser. Gemächlich steht er auf, wenn die Schlange am Gate kürzer zu werden beginnt, und schlendert entspannt in Richtung Gangway. Im Flieger sucht er sich selbst aus, neben wem er sitzen möchte und neben wem nicht und erspart sich gleichzeitig 20 oder 30 zusätzliche Minuten im beengten Flugzeugbauch. 

Klingt vernünftig, oder? Aber wer würde schon behaupten, dass wir Menschen vernunftbegabt sind?

In diesem Sinne, guten Flug!

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