London’s Calling

Nennen wir sie Miss Piggy. Das ist nicht schön, aber durchaus treffend und keinesfalls böse gemeint. Eigentlich war sie auch ein eher unauffälliger Typ. Weder besonders dick noch besonders schlank, sie hatte kein besonders schönes, aber auch kein häßliches Gesicht. Allerdings trug sie ein knappes, grellrosanes Tütü, dass wie sie selbst lustig auf und ab hüpfte, als sie vor mir aus der Tube stieg.  

Zugegeben, manchmal fällt es mir schwer, meinen Blick zu sortieren. Seit drei Tagen bin ich in London und bin immer noch fasziniert von den englischen Frauen. Bei Temperaturen von ca. 5 Grad laufen sie in Röcken rum, die oft eher wie breite Gürtel aussehen, nicht wie ernstgemeinte Kleidungsstücke. Sie mögen grelle Farben und scheinen grau zu meiden.

“Verständlich”, erklärte mir meine englische Freundin J., “wer sein ganzes Schulleben lang Uniformen trägt, der achtet in seiner Freizeit darauf, ganz und gar un-uniformiert rumzulaufen.” Ich finde, diese Theorie macht Sinn. Allerdings brauche ich wohl trotzdem noch eine Weile, bis ich nicht mehr hilflos vor mich hinstarre, wenn mir in der U-Bahn ein rosa Tütü gegenüber sitzt.

In diesem Sinne, Gruß an Cermit!

Musiktherapie

Die meisten Leute tun so, als hätten sie nichts gesehen. Sie ignorieren die laute Musik und die grell gefärbten Haare, die schweren Stiefel und die Nietengürtel. Ich dagegen finde es irgendwie beruhigend: auch in Ravensburg gibt es Punks.

Als Berliner wäre mir dieser Satz wohl weniger leicht aus den Fingern geflossen, doch drei Monate Ravensburg haben wohl ihre Spuren hinterlassen. 

In prosperierenden oberschwäbischen Kleinstadt herrscht aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht Vollbeschäftigung. Im September lag die Arbeitslosenquote bei 2,7 Prozent. Berlin dagegen ringt weiter mit einer eindeutig zweistelligen Quote, zur Zeit 13,3 Prozent. Das merkt man. Beim Spaziergang durch den Stadtkern fällt der Blick immer wieder auf die kleinen, aber feinen und vor allem: teuer bestückten Auslagen der unzähligen Geschäfte.

Es gibt wenig große Ketten in Ravensburg, dafür viele Miniläden mit Geschichten, die oft Generationen zurück reichen. Wer zur Mittagszeit etwas essen geht, trifft keine jungen Wilden, die mit vermeintlichen Geschäftspartnern über Stunden neue Projekte latte-macchiatorisieren, sondern ernsthaft arbeitende Menschen mit begrenztem Zeitbudget und um so dickerer Brieftasche. 

In diesem Kontext sind die Punks, die neben der Sparkasse (berlinerisch: Spaßkasse) auf dem Marienplatz verzweifelt zu provozieren versuchen, beinahe zu bemitleiden. Nur hin und wieder schüttelt einer der geschäftig vorbeieilenden zumindest entrüstet den Kopf, ganz selten meckert tatsächlich jemand, bevor er wieder in seinem Laden oder Büro verschwindet. Ja, fast könnten sie einem Leid tun, die Ravensburger Punks. Aber eben nur fast.

In diesem Sinne, frohes Schaffen!

Fremde Nähe

45 Zentimeter. So nahe dürfen uns fremde Menschen kommen, ohne dass wir uns von ihnen belästigt fühlen. Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Mich haben sie im Rahmen dieser Studie nicht gefragt. Absichtlich, vermute ich, denn ich hätte ihnen ihr Ergebnis kaputt gemacht.

Ich finde, es kommt weniger auf die Entfernung an als darauf, wer einem da eigentlich nahe kommt. 

In Australien habe ich vor einiger Zeit eine junge Israelin kennengelernt. Wir haben nebeneinander auf den langen, hölzernen Biergartenbänken auf der Terrasse vor der Hostelbar gesessen. Sie war mit ihrer Freundin dort, ich hatte gerade ein Gespräch mit dem Spanier gegenüber begonnen, als es zu regnen anfing.

Es war kein schlimmer Regen, eher einer der Sorte lauer Sommerschauer. Dennoch begann das Hostelpersonal eilig, fast hektisch die neben den Tischen platzierten Schirme aufzuspannen. Während die Regentropfen von dem imprägnierten Polyesterdach abperlten, rückte das darunter befindliche Backpackerpublikum enger zusammen. Da eigentlich als Sonnenschutz gedacht, vermochten die Schirme nämlich nur jeweils rund zwei Drittel der Tische und Bänke vor dem feuchten Nass zu schützen. 

Während das auf Englisch geführte Gespräch mit dem Spanier eher schleppend, dem Regen also nicht unähnlich, und überhaupt recht langweilig vor sich hin plätscherte, entwickelte sich, wohl auch der plötzlichen, regenbedingten Nähe geschuldet, schnell eine um so lebhaftere Unterhaltung mit der Israelin links neben mir. Nicht auf Englisch, sondern in Körpersprache.

Vermeintlich versehentliche Berührungen, immer wieder leicht aneinander gepresste Oberschenkel, kurze Blicke – so etwas halt. Wir kannten uns (noch) nicht, verstanden uns aber blendend. Übrigens auch, als wir uns eine gute Stunde später tatsächlich zu unterhalten anfingen.

Das Ganze ist nun über dreieinhalb Jahre her. Trotzdem denke ich immer noch mit Wehmut an diesen Abend in Australien zurück. Selten war Nähe unkomplizierter und selbstverständlicher als damals, ohne großes Nachdenken und auf dieser Holzbank in der Hostelkneipe. Schade, dass es nicht öfter so einfach ist.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Verkomplizieren!

Laubspiele

Er war verlockend, dieser kleine Berg. Auf dem Weg zur Pressekonferenz, mitten auf dem Bürgersteig, hatte sich das trockene Laub knöcheltief gesammelt. Es raschelte, während ich, ein wenig in Eile, einen Fuß vor den anderen setzte. Trotz der nahen Straße roch es angenehm nach Herbst und Baumharz. 

Als Kind wäre ich wahrscheinlich mitten durch gelaufen. In alle Richtungen wären die trockenen Blätter durch die Luft gewirbelt. Wahrscheinlich hätte ich sogar noch einmal umgedreht und wäre noch einmal hindurch gerannt, so viel Spaß hätte mir das gemacht. Dabei hätte ich den Rest der Welt vergessen, wie man es nur als Kind tun kann.

Vor einiger Zeit habe ich über eine Ausstellung berichtet, “Auf Augenhöhe” der Titel. Ein Fotograf und eine Designerin hatten Kinder portraitiert, indem sie ihnen Fragen wie “Was würdest Du machen, wenn Du Chef von Deutschland wärst” oder “Wo siehst Du die größten Probleme in der Welt”, aber auch “was machst Du, wenn Du Deine Hausaufgaben fertig hast” gestellt haben.

Die Antworten waren zum Teil beeindruckend. Heruntergebrochen auf die Lebenswelt der Acht- bis Zehnjährigen waren viele der vermeintlich kompliziertesten Probleme plötzlich ganz einfach. Ich frage mich, an welchem Punkt in unserer Entwicklung wir begriffen haben, dass die Welt eben nicht so simpel ist, wie klein Hänschen sie sich vorstellt. Und ich frage mich, ob wir mit dieser Erkenntnis richtig liegen.

Ein paar Schritte nur, ich hatte das Laub hinter mir gelassen. Ich bin nicht gelaufen und ich bin nicht umgedreht, um das Laub noch einmal links und rechts von mir hochfliegen zu sehen. Ich bin einfach weiter gegangen, schließlich hatte ich es eilig und ohnehin viel mehr Dinge im Kopf, als darin eigentlich Platz gehabt hätten. Trotzdem war da eine Antwort aus der Ausstellung, die mir einfach nicht aus dem Kopf wollte: Denis, 9 Jahre: “Das Schlimmste ist, erwachsen zu werden”.

In diesem Sinne, gute Reise!

Könnten Sie …

Letztens im Zug hat mich eine Frau angesprochen. Etwa mein Alter, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger. Was ich in xy, wo sie ebenfalls zugestiegen war, gemacht hätte. Ob es mir gefallen hätte und wo ich nun hinfahren würde, wollte sie wissen. Kurz: ein angenehm unverfängliches und zugleich sehr nettes Gespräch. Irritierend war allerdings eines: sie hat mich konsequent gesiezt.

In einer Woche werde ich 29. Ist es nun so weit? Geht es bei Dates demnächst zu allererst darum, vom “Sie” zum “Du” zu kommen – ehe überhaupt etwas anderes zur Debatte steht? Ein seltsamer Gedanke. Ein nichts desto trotz schönes Filmchen zum Thema: Jugend von heute.

In diesem Sinne, vielen Dank für Ihren Besuch!

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