Monthly Archive for May, 2008

Zwischenspeichern

Wenn es funktioniert, wird es die Welt revolutionieren: amerikanische Wissenschaftler haben eine Methode entwickelt, mit der Menschen Ihr Leben zukünftig “zwischenspeichern” können.

Was bisher nur in Computerspielen möglich war, soll schon in wenigen Jahren auch im echten Leben funktionieren. Vor einer komplizierten Prüfung, einer richtungsgebenden Entscheidung oder auch einfach so zwischendurch – schnell auf “Lebensstand speichern” klicken, und man ist auf der sicheren Seite, so das Magazin Future Science Review in seiner neusten Ausgabe. Bei Bedarf kann die gespeicherte Lebenssituation dann jederzeit wieder hergestellt und von vorne begonnen werden.

Die Technik, heißt es in dem Artikel, ist wohl erst in zehn bis zwölf Jahren einsatzbereit (weitere fünf bis zehn Jahre dürften dann bis zur Serienreife vergehen), von den schier unbegrenzten Möglichkeiten des “Life Backup” träumen darf man aber schon heute. Schließlich gibt eigentlich es jeden Tag kleinere oder größere Entscheidungen, die man vielleicht gerne revidieren würde, wenn man erstmal gemerkt hat, wohin sie führen.

Ein Klick genügt, schon hat man die Wahl, sich den unerwartet folgenschweren Anruf einfach zu verkneifen, kann man das achtlos dahin geworfene Wort doch noch runterschlucken oder das achte Bier eben nicht trinken und sich so einen peinlichen Ausfall ersparen. Man kann doch noch schnell Kondome besorgen oder statt der vermeintlichen Traumfrau deren Freundin anbaggern, von der man jetzt ja weiß, dass sie die bessere Wahl gewesen wäre. Im Handumdrehen geht es auf “Start” zurück, wo wieder alle Möglichkeiten offen sind – mit dem Vorteil, dass man nun zumindest bei einer weiß, dass sie nicht funktioniert.

Zugegeben, nicht jedem mag die Vorstellung behagen, künftig ganz ohne Risiko durchs Leben zu gehen. Das perfekte Leben sei langweilig, kritisieren sie, der Reiz sei doch gerade, dass man vorher nicht weiß, wohin Entscheidung A führt und ob B nicht vielleicht die bessere Alternative wäre. Oft seien es doch gerade die vermeintlich falschen Wege, die sich letztlich in Form von “Weißt Du noch” ins Gehirn brennen und am Ende das Leben ausmachen. Perfektion, sagen sie, ist langweilig, ein Leben ohne Risiko nicht lebenswert.

Diese kleingeistigen Fortschrittsverneiner! Es steht doch jedem frei, einfach mal die “Auto-Speichern”-Funktion auszuschalten und der Gefahr zumindest für einen Tag ins Gesicht zu sehen. Zu Wählen, ohne zu wissen, wohin es einen führt, sich nur auf Verstand, Gefühl und Erfahrung zu verlassen. Wer sich kopfüber ins Verderben stürzen möchte – bittesehr! Vermutlich geht Ihr ja ohne Sicherheitsleine und Schutzhelm aus dem Haus …

In diesem Sinne, immer schön zwischenspeichern!

 

PS: Für den etwas flüchtigeren Leser – alle Erfindungen und Zeitschriften aus diesem Beitrag sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Erfindungen und Zeitschriften sind rein zufällig und bestimmt nicht gewollt.

Verheiratete Inspiration

Eigentlich sollte an dieser Stelle etwas ganz anderes stehen. Ich war gestern auf einer Hochzeit und sicher, danach Inspiration für mindestens fünf mehr oder minder ehespezifische Einträge zu haben. Darin wäre es um Themen gegangen wie “sind wir wirklich schon so alt?” und “früher konnte man ‘einfach’ Schluss machen, mittlerweile bräuchten immer mehr meiner Freunde einen Anwalt dafür”. 

Daraus wird nun nichts. Die Hochzeit hat zwar wie geplant stattgefunden (beide haben “ja” gesagt), nur das mit der Inspiraton, das hat nicht so hingehauen, wie ich mir das gedacht habe. Statt des erwarteten seltsamen Gefühls erschien mir das Ganze plötzlich völlig normal – und das ist es wohl auch. 

Braut und Bräutigam sind recht genau in meinem Alter, Ende zwanzig also, oder, böse gesagt, kurz vor dreißig. Kein ungewöhnliches Alter für eine Hochzeit. Ein nicht geringer Teil der Gäste bestand aus Paaren, bei denen eine baldige Heirat nicht unbedingt überraschend wäre, bei einem der Paare gibt es sogar schon einen Termin dafür. 

Vielleicht sollte also eher ich mir Sorgen machen, dass derartiges bei mir aller Voraussicht nach nicht ansteht? Schlimmer noch, eine gute Freundin mit, nach eigener Aussage “hellseherischen Fähigkeiten” hat mir erst kürzlich prophezeit, dass ich in diesem Leben nicht mehr heiraten werde. Schade eigentlich, die Feier fand ich nämlich eigentlich ganz schön …

In diesem Sinne, anders lautende Prophezeiungen sind herzlich willkommen!

Profistalker

Ich habe meine Ex-Freundin getroffen. Fast zehn Jahre haben wir uns nicht gesehen, plötzlich stand sie vor mir. Gut sah sie aus und sehr glücklich mit ihrem neuen Freund. Sie hat mir Bilder von ihrem letzten gemeinsamen Urlaub gezeigt und von der neuen Wohnung, in der die beiden jetzt wohnen. Alles was ich dafür tun musste, war ihren Namen in ein kleines, blassrosanes Suchfeld einzutragen. Ich glaube, sie hat nicht einmal etwas davon mitbekommen.

Rund 180 Millionen “Visits” verzeichnete StudiVZ im letzten Monat. Das sind ziemlich genau doppelt so viele Aufrufe, wie Spiegel Online in diesem Zeitraum hatte. Ich bin nicht unschuldig daran: regelmäßig und manchmal mehrmals am Tag besuche ich StudiVZ und Facebook. Immer wieder verbringe ich gefühlte endlos Zeit damit, mich durch die Profile und die Fotoalben von Freunden, Freundes-Freunden oder auch von völlig Fremden zu klicken. Oder eben auf die Seite meiner Ex-Freundin. 

“StudiVZ hat mich zum Profi-Stalker gemacht”, bekannten kürzlich unabhängig voneinander gleich zwei Freunde von mir. Ich kann das verstehen. Die Verlockung, einfach nach dem Schwarm aus der Unterstufe oder auch nach dem seit Jahrzehnten verschollenen Sandkastenfreund zu suchen, ist groß. Noch größer ist natürlich die Versuchung, sich einfach mal unkompliziert in das Leben der oder des Ex hinein zu klicken. Nicht mal zwangsweise heimlich, übrigens. Gerade wenn die Beziehung schon länger her ist, scheint es mittlerweile usus, sich zumindest mal kurz zu melden und zu fragen, wie es so geht oder sich sogar zu verabreden.

Manchmal frage ich mich allerdings, ob das wirklich immer gut ist. Hätte man früher manche Leute einfach aus den Augen verloren und sie in Erinnerung behalten, wie man sie damals gesehen hat, bekommt man heute das “was-wäre-wenn” quasi frei Haus geliefert. Früher wären diese Leute einfach verschollen gewesen, heute wohnen sie dank StudiVZ und Co direkt vor der eigenen digitalen Haustür.

Ich glaube, dass manche Menschen – Freunde wie Liebschaften – nur zu einer bestimmten Zeit und während einer bestimmten Lebensphase zu einem passen, danach sollte man sie ziehen lassen.

Ärgerlich nur, dass man vorher nie weiß, welche Menschen das sind. Aber das kann man sicher via StudiVZ und Co rausfinden …

In diesem Sinne, viel Spaß beim Suchen!

 

PS: Übrigens – für alle Stalker und Gestalkten – nicht mal vermeintlich vor Unbefugten geschütze Fotoalben sind wirklich immer unsichtbar. Ist in den Alben eine andere Person öffentlich sichtbar verlinkt, kann man sich so, über diese andere Person, trotzdem in das angeblich nicht öffentlich sichtbare Fotoalbum rein- und durchklicken. 

Stadtteil-Liebe

Ich war joggen. Jetzt frage ich mich, ob ich vielleicht doch im falschen Stadtteil wohne. Nicht einer, sondern gleich zwei junge Väter schoben – joggend – und mit stolz geschwellter Brust ihren Kinderwagen über die Laufbahn im Jahn-Sportpark.

Interessanterweise schien ich der einzige, der das befremdlich fand (oder ich war nur der einzige, der die beiden dabei so unverhohlen gemustert hat). Zugleich versuchte eine offenbar bilingual erziehende Mutter verzweifelt ihrem Dreijährigem in schlechtem Englisch dazu zu bewegen, mit seinem Laufrad weder in die Sprunggrube noch zwischen die Joggenden zu fahren. “Marvin! No running through the runners!”

Mit Ballon und Spucke – Mutter auf Probe“, titelte zu guter Letzt heute der Tagesspiegel. Die Redakteurin Elena Senft hatte sich von ihrer älteren Schwester ein Kind ausgeliehen und damit einen Tag lang Prenzlauer Berg erkundet: “Der Frühling in Prenzlauer Berg riecht nach Keksfingern und Puder”, konkludiert sie in dem Artikel, “In den Hausfluren der Mietshäuser stehen mehr Kinderwagen als Fahrräder, und in fast jedem Café gibt es eine Spielzeugecke, frische Waffeln und neonblaues Eis.”

Wenn ich so überlege, gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum ich nicht mehr hier wohnen sollte:

  • ich trinke meinen Kaffee am liebsten schwarz – Prenzlauer Berg dagegen ist längst latte-macchiatorisiert
  • im Gegensatz zu anderen Stadtteilen halten sich in Prenzlauer Berg die meisten Kneipen- und Cafe-Besitzer an das seit 1.1.08 gültige Rauchverbot – wer öfter mal mit Rauchern was trinken geht, steht also regelmäßig vor der Tür 
  • in vielen Cafés ist zumindest tagsüber ohnehin keine Unterhaltung mehr möglich, weil jedes Wort vom synchronisierten Tippen unzähliger Laptop-bewaffneter Kreativer übertönt wird
  • man kann kaum mehr ruhigen Gewissens über eine rote Ampel gehen. Normalerweise warten nämlich schon mindestens zwei Kinder auf grün (siehe oben) – und denen will man doch kein schlechtes Vorbild sein
  • Die Pub-Crawl-Veranstalter beschränken sich nicht mehr auf die Gegend um die Warschauer und die Oranienburger Straße, mittlerweile haben sie auch die Gegend um die Eberswalder Straße für sich entdeckt. Wohl geographisch bedingt dient diese Ecke meist als Endpunkt der organisierten Sauftouren, entsprechend irren zu fortgeschrittener Stunde in letzter Zeit häufiger versprengte und orientierungslose Amerikaner, Engländer und Australier betrunken und auf der Suche nach noch mehr Bier durch meine Nachbarschaft

Diese Liste kann wohl noch um einige Punkte verlängert werden. Allerdings brauche ich meist nur mal eine halbe Stunde in meiner Nachbarschaft spazieren zu gehen, und ich vergesse die meisten davon wieder.

Wie heißt es so schön? Man liebt jemanden nicht wegen, sondern trotz seiner Fehler. Warum sollte das nicht auch für einen Stadtteil gelten?

In diesem Sinne, frohes Kinderschieben!

Siamesisch

Auf den ersten Blick war die Antwort-SMS harmlos. Ob wir uns, wie üblich, direkt in der Kneipe treffen wollten, hatte ich gefragt, und mich auf einen dieser typischen Abende mit K. gefreut: ein paar Bier am Tresen, unkompliziert quatschen und am Ende doch wieder später als geplant nach Hause wanken. ”Super, wir sind dann um acht da!”, hatte K. geantwortet, und fast hätte ich das “wir” überlesen. 

Um acht saß ich wie vereinbart am Tresen der kleinen, unscheinbaren Kneipe, die zwar im nördlichen Prenzlauer Berg liegt, dem Interieur nach aber eher ins nördliche Pankow passen würde. Keine Spur von K., dafür summte das Handy in meiner Tasche. “Sorry, wir kommen ein paar Minuten später”, stand da, das “wir” war kaum zu übersehen.

Als “Wir” durch die Tür kamen, hatte ich gerade mein zweites Bier bestellt. Schlimm fand ich die Verspätung nicht, und auch gegen das “Wir” habe ich grundsätzlich nichts. Im Gegenteil, ich mag K.s neue Freundin. Sie ist witzig und intelligent, man kann sich gut mit ihr unterhalten. Trotzdem hatte ich mich eigentlich auf einen schönen Kneipenabend mit K. gefreut, nicht mit “Wir”. Für mich ist das nämlich noch immer etwas anderes.

Für alle anderen scheinen die Unterschiede hier dagegen immer mehr zu verschwimmen: Das “Wir” ergänzt das “Ich” nicht mehr, es ersetzt es. Mein Freund K. ist da kein Einzelfall. Immer wieder mutieren ehemals eigenständige Menschen freiwillig zu siamesischen Zwillingen, scheinbar normale Freunde schreiben in ihren Facebook- und StudiVZ-Profile unter Interessen plötzlich statt “Sport” oder “Reisen” nur noch schlicht “Mein Schatz”.

Was ist passiert?
Eine Epidemie, gegen deren Erreger nur ich und vielleicht eine Hand voll anderer immun sind?

Aus wissenschaftlicher Sicht muss man leider sagen: ja! 
Die italienische Psychologin Donatella Marazziti von der Universität Pisa untersucht normalerweise alle möglichen Formen von zwanghaftem Verhalten, etwa wieso Menschen sich hundert Mal am Tag die Hände waschen oder nicht das Haus verlassen können, ehe sie zum x’ten Mal kontrolliert haben, ob die Herdplatte auch wirklich ausgeschaltet ist. Liebe, sagt sie, ist im Endeffekt nichts anderes als so eine Zwangsstörung und nennt das Ganze “Mikroparanoia“.

Ich finde das beruhigend. Wo das Ganze nun schon einen Namen hat, gibt es sicher bald auch Medikamente dagegen …

In diesem Sinne, nicht immer alles ernst nehmen, was ich so schreibe …

Homer Simpson

Vor zwei oder drei Jahren gab es in den USA eine Umfrage mit einem seltsamen Ergebnis: ein nicht geringer Prozentsatz der befragten Amerikaner gab an, am liebsten sein zu wollen wie Homer Simpson.

Das ist gleich in mehrerer Hinsicht überraschend: zum einen ist Homer Simpson kein Mensch, sondern eine Zeichentrickfigur. Zum anderen zeichnet er sich weder durch besondere Intelligenz, noch durch besonders gutes Aussehen oder sonstige vermeintlich erstrebenswerte Eigenschaften aus. Im Gegenteil: Homer Simpson hat genau drei Haare auf dem Kopf, ist übergewichtig, faul und nicht besonders schlau. 

Dass sein Leben offenbar trotzdem so erstrebenswert ist, liegt wohl vor allem daran, dass er so leicht zufrieden zu stellen ist. Es braucht nicht viel, um Homer glücklich zu machen: einen Doughnut, ein kaltes Bier – seine Ansprüche sind nicht besonders hoch. Auch wird sein Glück nicht durch großes Grübeln geschmälert. Er nimmt, was er bekommt und macht sich nicht großartig Gedanken über den Rest. 

Beneidenswert – oder?
Mal angenommen, die sprichwörtliche gute Fee käme vorbei und böte einem an, seinen IQ mal eben auf die Hälfte zu reduzieren. Damit einhergehend das Versprechen, danach zwar um einiges dümmer, aber eben auch um einiges zufriedener und glücklicher zu sein. Würde man für mehr Zufriedenheit auf Intelligenz verzichten wollen?

Homer Simpson hätte eine klare Antwort. In Folge 257 wird festgestellt, dass Homer einen Buntstift im Gehirn stecken hat (als Kind hatte er sich immer Buntstifte in die Nase geschoben). Der Stift wird entfernt und Homer um einiges klüger – allerdings auch unglücklicher. Am endet bittet er den Kneipenbesitzer Moe, den Stift wieder zurück zu stecken. 

In diesem Sinne, immer vorsichtig beim Malen nach Zahlen!

Lebenshilfe

Googles Dominanz unter den Suchmaschinen ist wohl hinreichend bekannt: mehr als 90% der deutschen Internetnutzern navigieren mit Hilfe der Seite mit den bunten Buchstaben durchs Netz.

Einige von ihnen erhoffen sich von Google offenbar sogar echte Lebenshilfe: “ist felix der richtige mann für mich”, suchte eine Dame (oder ein Herr) vorgestern – und landete auf meiner Seite.

Ob sie hier eine Antwort gefunden hat, weiß ich nicht, ein wenig schmunzeln musste ich aber schon.

In diesem Sinne, unbekannterweise einen schönen Gruß!

Fehlinvestitionen

Der gedachte Versuchsaufbau ist einfach: der Proband sitzt an einem einfachen Tisch und wird aufgefordert, sich zu entscheiden: “In welche Firma möchten Sie investieren: A oder B?” Der Proband entscheidet sich und bekommt nach einer kurzen Pause das Ergebnis seiner Wahl mitgeteilt: sie war falsch. Hat er sich für Firma A entschieden, war es Firma B, die sich am Markt deutlich besser behaupten konnte, präferierte er Firma B, war es Firma A, die die schwärzeren Zahlen schrieb.

Interessant wird es nun, wenn der Proband erneut entscheiden muss, in welche Firma er bei der nächsten Runde investieren möchte: die Mehrheit der Versuchspersonen hält an der ersten Entscheidung fest und das nicht nur in dieser, sondern auch in weiteren Runden. Er investiert weiter in Firma A respektive B, egal wie rot die Zahlen sind, die diese schreibt.

Die Erklärung ist simpel: die erste Investition soll nicht umsonst gewesen sein. Dies gilt um so mehr, je mehr Geld die Versuchsperson fiktiv in den Sand gesetzt hat. Je größer die Fehlinvestition, desto größer auch der Verlust, der mit einer Umkehr eingestanden wäre. Entsprechend hält der Proband an seiner Wahl fest, selbst wenn die Verluste den zu erwarteten Gewinn längst überholt haben.

Auch wenn der tatsächliche Versuchsaufbau normalerweise komplexer ist (es hat nämlich wirklich einige Versuche in dieser Richtung gegeben), das Ergebnis bleibt im Großen und Ganzen gleich: der Mensch neigt dazu, an Einstellungen und Entscheidungen festzuhalten, selbst wenn diese sich rational betrachtet als unsinnig erwiesen haben.

Dies gilt leider nicht nur für die Finanzwelt, sondern auch für das ganz “normale” Leben. Wer einmal eine vermeintlich falsche Richtung eingeschlagen hat, ist oft nur schwer wieder davon abzubringen.

Vielleicht ist das der Grund, warum wir uns immer wieder in Beziehungen stürzen, von denen wir schon nach kurzer Zeit wissen, dass sie nicht gut für uns sind. Vielleicht halten wir deshalb an Jobs fest, die uns keinen Spaß machen, oder an Freundschaften, die eigentlich mehr Belastung als Bereicherung sind? In jedem Fall Wert, mal darüber nachzudenken.

In diesem Sinne, Firma A oder Firma B?

Kopf oder Zahl

Ein Koffer und eine Tasche – mehr braucht es nicht. Das findet jedenfalls Thomas Linde. Dann stirbt er. Das ist ärgerlich für ihn, aber gut für seinen Schöpfer, Uwe Timm. Die Nahtod-Erfahrung seines Protagonisten gibt dem Schriftsteller nämlich die Möglichkeit, die letzten Tage im Leben des Alt-68ers, Jazzkritikers und Beerdigungsredners besonders effektvoll Revue passieren zu lassen. 

“Rot” ist Timms stärkstes Buch, allerdings ist das hier nicht das Thema. “Ich lebe in weißen leeren Räumen, ohne Ballast [...] Zwei leere Zimmer in einer Dachwohnung”, lässt Timm seine Hauptfigur gleich am Anfang des Buches, auf Seite 10, erklären. ”Ein Koffer und eine Tasche, das ist mein Hausstand. Ich kann jederzeit weiterziehen.”

Ein großartiges Konzept. Ich habe schon einmal geschrieben, dass ich es mag, mit leichtem Gepäck zu reisen. Und auch wenn man gerade mal nicht unterwegs ist, wie befreiend muss es sein, sein Hab und Gut prinzipiell jederzeit unter den Arm klemmen und weiterziehen zu können? 

Aber ist es wirklich so einfach?
Habe ich nicht gerade (im letzte Post) noch genau das Gegenteil beschworen?

Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht.
Ich liebe es, on the road zu sein. Gleichzeitig kann es aber auch ein sehr schönes Gefühl sein, wenn man anfängt, irgendwo Wurzeln zu schlagen; wenn man spürt, dass man gerade dabei ist, irgendwo anzukommen.

In diesem Sinne, Kopf oder Zahl?

Heimatgefühle

Der Raum ist geschrumpft, zumindest kommt er mir kleiner vor. Einige der alten Möbel sind noch da. Dazwischen stehen allerdings allerlei andere Dinge rum, die anscheinend sonst nirgends Platz fanden: ein paar zusammenklappbare Gartenstühle, Kisten mit alten Videokassetten, Bücher. Was früher mein Zimmer war, ist heute eine Art Lagerraum. 

Der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist nur vier Zugstunden von Berlin entfernt. Meine Eltern und viele meiner Freunde leben noch hier. Entsprechend schaue ich alle drei oder vier Monate hier vorbei. Normalerweise nur für ein paar Tage, trotzdem sind die Besuche jedes Mal eine kleine Reise in die Vergangenheit.

Mehr als zwei Jahrzehnte habe ich hier gewohnt, habe mich zu Hause gefühlt. Heute nicht mehr. Konnte ich mich früher langsam an Veränderungen gewöhnen, nehme ich diese jetzt wie im Zeitraffer betrachtet wahr. Jahrelang einstudierte Wege funktionieren plötzlich nicht mehr, weil sie neue Richtungen bekommen haben (im wahrsten Sinne des Wortes – in der Innenstadt wurde an zahlreichen Stellen die Verkehrsführung geändert). Wusste ich früher genau, wo man tagsüber in der Innenstadt günstig parken konnte und wann abends der letzte Bus fuhr, muss ich heute erstmal nachfragen. ”Meine Stadt” ist mir fremd geworden.

Ich finde das nicht so schlimm. Im Gegenteil, ich genieße den Blick aus der Distanz. Plötzlich erschließen sich mir Sichtweisen, die ich vorher so nicht gekannt habe. Zugleich wird mir bewusst, wie zu Hause ich mittlerweile hier in Berlin bin. Das gefällt mir.

In diesem Sinne, gute Reise!