Monthly Archive for September, 2007

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Zwei in einem

Das Loch war ein einziges Lichtermeer. Es nieselte leicht während sich taghell beleuchtete Baukräne und anderes schweres Gerät dem widmeten, was heute von Werbestrategen die “neue Mitte” Berlins genannt wird: dem Potsdamer Platz.

Es muss Ende Januar oder Anfang Februar gewesen sein und war daher schon relativ früh dunkel. Für mich war es das erste Mal dass ich Berlin besuchte. Mein Vater dagegen war schon von Berufs wegen etliche Male in Berlin gewesen. Er hatte uns für ein verlängertes Wochenende eine Ferienwohnung in Birkenwerder bei Oranienburg organisiert. Nach einer schier endlosen Fahrt über die A2, die damals mehr Baustelle als Autobahn war, waren wir am Nachmittag endlich angekommen. Wir hatten etwas gegessen, eine Runde durch den kleinen Ort gemacht und waren anschließend mit der S-Bahn bis Unter den Linden zum Brandenburger Tor und dann weiter zum Potsdamer Platz gefahren, der damals “größten Baustelle Europas”.

Das Ganze ist nun über zehn Jahr her, trotzdem stelle ich immer wieder fest, wie sich dieses erste Berlin-Bild irgendwo in meinem Hinterkopf konserviert erhalten hat. Oft sind es nur kurze Erinnerungssplitter, die plötzlich auftauchen, wenn ich durch die Stadt laufe und aus dem S-Bahn-Fenster gucke. Einzelne Orte, die ich irgendwie mit diesem ersten Besucht verbinde oder Gedanken, die ich damals gehabt haben muss.

Vieles hat sich seit meinem ersten Besuch geändert. Das stelle ich immer wieder fest, wenn ich jetzt über den Potsdamer Platz laufe, aber auch wenn ich, dann doch mal (was selten vorkommt) die Kantstraße runter laufe, wo wir damals den ersten Tag mit einem Bier beendet haben.

Zwar war ich, bevor ich vor zwei Jahren dann hergezogen bin, noch öfter in Berlin, dieser erste Besuch hat mein Bild von dieser Stadt dennoch geprägt wie keiner danach. Selbst jetzt, wo ich hier wohne und meine Zeit nicht zuletzt damit verbringe, neuen Besuchern die Stadt zu erklären, kann und will ich es nicht abschütteln. Ich mag Berlin, alle beide.

In diesem Sinne, frohe Spurensuche!

Suffköppe (II)

“Entschuldigung, aber sind Sie denn aus der DDR?”

Die Bahn war mir vor der Nase weggefahren, und weil Sonntag ist und die U6 da nur im Zehn-Minuten-Takt fährt, hatte ich beschlossen, ein paar Schritte zu Fuß zu gehen und Stadtmitte direkt die U2 zu nehmen. Gerade hatte ich die in die Straße eingelassene Markierung der früheren Grenze am Checkpoint Charlie, Ecke Friedrichstraße – Kochstraße, hinter mir gelassen, als diese Stimme ertönte: “Entschuldigung, aber sind Sie denn aus der DDR?”

Natürlich, die Frage passte, sie kam nur ein paar Jahre zu spät. Gestellt wurde sie mir von einem Mann, Ende 30, tippe ich, obwohl er älter aussah. Mit Argusaugen schien er mich zu beobachten, während er ein altes Fahrrad über den Bürgersteig auf der anderen Straßenseite schob. Gewundert hat mich das eigentlich nicht. Heute Nacht waren eh wieder alle verrückt.

Ich habe gearbeitet, was auch der Grund war, wieso ich Sonntags morgens um halb neun die Friedrichstraße hochgegangen bin, und die Nacht war wieder mal voll seltsamer Gestalten. Angefangen hatte es schon gegen eins, als ein junger Mann ins Hostel kam und auf deutsch nuschelte, hier müsste ein Zimmer für ihn und seine Freunde reserviert sein. Auf welchen Namen, wusste er nicht, auch eine Reservierungsnummer oder ähnliches hatte er nicht. Selbst auf meine Frage, ob er denn sicher sei, dass er im richtigen Hostel wäre, schüttelte er emotionslos den Kopf. Das heißt, zumindest in meinen Gedanken schüttelte er den Kopf. Tatsächlich blieb er fast die Ganze Zeit bewegungslos. Sicher sei er da leider nicht, bekannter er schließlich. Dann zückte er sein Handy, wählte eine Nummer und begann, im immer noch völlig emotionsfreien Ton, mit irgendwem zu telefonieren, der sich offenbar auskannte. Zehn Minute später war die Reservierung des jungen Deutschen gefunden.

Gerade rechtzeitig, denn jetzt fielen die Amerikaner über den Kühlschrank her. Gemeinsam mit einer Gruppe deutscher Abiturienten machten sie sich in der Bar breit und begannen einen bierseligen Kulturkampf. Klar im Vorteil: die Deutschen. Im Gegensatz zu den Amerikanern hatten die nämlich binnen kürzester Zeit das komplizierte System des Flaschenpfandes begriffen. Da sieht man mal, wofür so ein Abitur alles gut ist.
Die Amis dagegen punkteten auf ihre Art: mit deutlich schnellerem Alkoholkonsum. Die Folge: ein sehr aufgeräumter deutscher Tisch und ein Flaschenberg auf dem Tisch der Amerikaner, mit dem ich mich dann am Morgen rumschlagen durfte. Freilich erst, nachdem die Amis weg waren. Länger durchgehalten haben die nämlich auch.

“Entschuldigung, aber sind Sie denn aus der DDR?”
Der Mann mit dem Fahrrad blieb wenigstens hartnäckig. Geantwortet hab ich ihm trotzdem nicht. Er schien so eine Freude, an seiner Frage zu haben, dass ich nicht den Eindruck hatte, als sollte ich ihm das mit einer schnellen Antwort verderben.

In diesem Sinne, Vorsicht beim Grenzübertritt!

Regenzeit

Eigentlich mag ich den Herbst. Wenn es abends zwar schon merklich früher dunkel wird aber eben nicht so früh, dass man sich fragt, ob es überhaupt zwischendurch hell gewesen ist. Wenn man kein schlechtes Gewissen mehr haben muss, zu Hause rum zu gammeln, weil es draußen ohnehin regnet und stürmt. Ärgerlich ist das natürlich, wenn man bei so einem Wetter dann doch draußen ist.

Noch ist zwar offiziell Sommer, aber eben so ein Wetter war gestern. Nicht die ganze Zeit, im Gegenteil, der Tag war sogar ziemlich schön (auch wenn er schon ziemlich nach Herbst roch, finde ich). Als wir die letzten Züge dieses Tages allerdings nutzen wollten, um ein Bier in Berlins höchstgelegener Strandbar zu nutzen (irgendwer hat zig Tonnen Sand auf das Dach der Schönhauser Allee Arcaden gekippt), kam dann aber beides: Regen und Sturm (gut, Wind, aber immerhin). Zwar nur kurz, aber immerhin: es hat gereicht, um sämtliche Kneipen in der näheren Umgebung zu füllen.

Als wir irgendwann dann doch einen trockenen und vor allem freien Platz gefunden hatten (die letzten beiden Sitzplätze im “Wohnzimmer” am Helmholtzplatz) hatte es schon beinahe wieder aufgehört zu regnen. Schon mal angekommen blieben wir trotzdem und freuten uns an den seltsamen Menschen, die ebenfalls hierher gefunden hatten.

Zugegeben, ich beobachte gerne Leute und gerade Berlin bietet tausend Möglichkeiten dazu. Zu nennen ist etwa die junge Frau, die in sechs oder sieben Metern Entfernung von uns saß und trotz des schummrigen Lichts eine dunkle Sonnenbrille trug. Zunächst dachte ich wirklich, vielleicht ist sie blind oder hat zumindest was an den Augen, dem war aber anscheinend nicht so. Oder die beiden Damen, die bei uns mit am Tisch saßen. Während eine artig an ihrem Bier nuckelte, hatte die andere ein Glas Rotwein vor sich stehen. Gut eine Stunde saßen die beiden neben uns, angerührt hat sie den Wein nicht. Das tat dann ihre Freundin. Mit den Worten “nun muss ich aber doch mal probieren” leerte sie das Glas in einem Zug. Dann verschwanden beide.

Gegangen sind wir dann auch irgendwann. Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen, und auch die Kneipen hatten begonnen, sich zu leeren. Es war gegen kurz vor eins und die Berliner begannen sich auf den Weg in die Clubs zu machen. Nicht umsonst ist die Clubszene der deutschen Hauptstadt im Ausland berühmt-berüchtigt, wie mir die Backpacker im Hostel immer wieder versichern. Mir war das in dem Moment relativ egal, ich war müde.

Der Weg nach Hause ist vom Helmholtzplatz nicht unbedingt weit. Trotzdem und obwohl ich die Strecke schon zig Mal gelaufen bin habe ich immer wieder das Gefühl, etwas neues zu entdecken. Ein neues Geschäft, eine neue Kneipe oder auch einfach nur eine neue Schaufensterdekoration. Es ist, als würde sich die Stadt andauernd selbst neu erfinden. Weil es hier so viele Menschen gibt, die vielleicht komisch oder auch einfach nur etwas anders sind, bleibt Berlin andauernd in Bewegung. Das mag ich an dieser Stadt. Sie erfindet sich dauernd neu.

In diesem Sinne, öfter mal die Augen aufmachen!

Kindergarten

Manchmal kommt es mir vor, als würde ich nicht in einem Hostel, sondern in einer Kinderkrippe arbeiten. Der Durchschnittsbackpacker ist zwar laut Pass Anfang bis Mitte zwanzig, im wahren Leben aber höchstens halb so alt. Entsprechend sieht er in mir auch nicht den freundlichen Mann hinter dem Rezeptionstresen sondern die Ersatzmutter.

Praktisch äußert sich das vor allem in Kleinigkeiten. Angefangen davon, dass es viele Traveller ganz offensichtlich überfordert, sich zu informieren, von welchem der drei Berliner Flughäfen ihr Weiterflug geht. Wenn ich dann auf die Frage, “how do I get to the airport” mit einer Gegenfrage antworte – which airport? – sind sie verwirrt. Eben so wie es immer noch Leute gibt, meist US-Amerikaner, die ernsthaft von mir wissen wollen, wo denn die Mauer wäre und wie nah man da ran könnte, ohne dass die Grenztruppen das Feuer eröffnen würden.

Eine andere Variante des Kindes im Backpacker tritt dann zu Tage, wenn irgendwas nicht nach Plan funktioniert. Etwa wenn er oder sie sich beim Versuch, den Kronkorken von der Bierflasche abzudrehen in den Finger geschnitten hat. Schon mehr als einmal standen Leute mit Tränen in den Augen vor mir, und zeigten verzweifelten den blutigen Kratzer an der Hand. Meist hilft in dieser Situation zwar ein Pflaster und ein mitleidiger Blick, die Verwirrung aber bleibt: warum zum Teufel reist jemand alleine quer durch Europa, wenn schon eine Schürfwunde am Knie zur Katastrophe mutiert? Wenn schon die Waschmaschine im Keller ein unüberwindbares Problem und Mysterium ist und man ernsthaft den Rezeptionisten bitten muss, ob der nicht für ihn den Nudelsnack zubereiten, sprich: mit heißen Wasser übergießen, könnte.

Ich muss ehrlich sagen, ich weiß es nicht. Schon als ich selber gereist bin hatte ich insbesondere in Ländern wie Australien oder Thailand das Gefühl, als wären viele der anderen Traveller mit den meisten Dingen des täglichen (Traveller-)Lebens hoffnungslos überfordert. Hinter der Rezeption bekomme ich da natürlich die volle Dröhnung.
Andererseits geht natürlich nichts darüber zu sehen, wie der Sprössling nach einer ausführlichen Erklärung und zahlreichen Fehlversuchen dann endlich den ersten, eigenen Nudelsnack zubereitet und stolz präsentiert, sich selber das Pflaster aufklebt und zudem noch weiß, von wo er abfliegt. Da sieht man dann auch gerne darüber hinweg, dass der werte Nachwuchs nicht wirklich zwölf sondern schon 24 Jahre alt ist und dass es sich auch nicht wirklich um das eigene Fleisch und Blut handelt, sondern Dave aus Ohio oder Jodie aus Sydney.

In diesem Sinne, frohes Erwachsen werden!

Wer hat’s erfunden?

Es müssen mehrere gewesen sein, die volltrunken aus dem Fenster gekotzt haben. Die Hotelbar glich einem Flaschenlager, die wenigsten übrigens tatsächlich auch in der Bar gekauft, und irgendwann war auch die Polizei da, Ruhestörung, hieß es.

All das ist ausnahmsweise nicht während meiner letzten Nachtschicht passiert, sondern vor ziemlich genau neun Jahren. Das Hotel, benannt nach einem Wesen aus der griechischen Mythologie und in der Nähe einer Bushaltestelle, die hieß wie eine bekannte Biersorte, war damals nicht mein Arbeitgeber. Statt dessen war ich Gast und mit dem Deutsch-LK auf Kursfahrt in Prag.
“Ich sitz noch nicht und ihr sauft schon”, hatte die begleitende Deutschlehrerin gerufen, als wir bei Abfahrt des Zuges nach Tschechien das erste Bier geöffnet hatten (um sechs Uhr morgens). Für die Reise eine ganz passende Umschreibung.

Natürlich haben wir nicht nur getrunken und nicht nur gefeiert. Als ich allerdings ein paar Jahre später noch einmal in Prag war, hat es mich schon überrascht, wie wenig mit außer den Parties im Gedächtnis geblieben war. Trotz sicher ausgeklügeltem Kulturprogramm, einer wirklich bemühten Lehrerin und der eigens engagierten Stadtführerin war es eben doch gerade das gemeinschaftliche über-die-Stränge-Schlagen, dass in meiner Erinnerung haften geblieben ist.

Daran musste ich letztens denken, als wir im Hostel mal wieder diverse Schüler auf Klassen- und Abschlussfahrt untergebracht hatten. Einige der Kiddies blieben besonders lange wach und belagerten zwischendurch immer wieder den Rezeptionstresen. Ob sie denn auch die schlimmste Gruppe wären, die wir bis dato zu Gast gehabt hätten, wollten sie wissen.

Aus oben beschriebener Perspektive ist das fast niedlich. Zumal ich sagen muss, die Schlimmsten waren sie wirklich nicht. Eher im Gegenteil: einigermaßen leise, ausgesprochen höflich, und selbst die Menge des ins Haus geschmuggelten Alkohols hielt sich, gemessen an dem, was ich abgefangen habe, sehr in Grenzen. Keiner, der von der Polizei entwaffnet werden musste, weil er sich nicht von seinem Messer trennen wollte (“Ey, das ist doch Berlin, da muss ich mich doch wehren”), keine abgeschraubten Rauchmelder im Zimmer und keine Stühle, die im hohen Bogen von der Dachterrasse in Richtung Biergarten und Straße segelten.

Das Faszinierende ist, dass sich trotzdem jede neue Gruppe wieder der Illusion hingibt, sie hätten die wilde Party erfunden und den verbotenen Spaß gepachtet. So wir wir vor neun Jahren in Prag.

In diesem Sinne, neu ist immer relativ!

Anfänge

Ich mag Anfänge. Alles ist noch offen und der Weg zurück ist kurz. Je weiter man sich vom Anfang entfernt, desto schwieriger wird es, die Richtung zu ändern, und desto höher ist die Hemmschwelle, es überhaupt zu versuchen.

Als ich vor sieben Jahren mein erstes Studium in Düsseldorf angefangen hab war ich so entspannt wie während des ganzen Studiums nicht. Die ersten Wochen waren ein buntes Abenteuer. Den Startpunkt quasi in Sichtweite schien die Möglichkeit der Umkehr so nah, dass der Weg nach vorne kein großes Problem darstellte. Was gab es schon zu verlieren? Hätte ich mich an diesem Punkt entschieden, statt Politik lieber Medizin oder Jura zu studieren, es wäre kein großes Ding gewesen. (Tatsächlich habe ich während dieses ersten Studiums nebenbei ein paar Jura-Vorlesungen besucht, aber das nur mal so am Rande).

Allerdings rückte jedes erfolgreich abgeschlossene Seminar, jeder erworbene Schein und jedes beendete Semester das Startpunkt ein Stückchen weiter weg; irgendwann war er nur noch ein kleiner Fleck am Horizont. Die Umkehr wäre natürlich weiter möglich gewesen, der Weg zurück aber wesentlich weiter. Und nicht nur das: auch das mitgeführte Gepäck war mittlerweile auf recht unhandliche Dimensionen angewachsen. Begonnen hatte ich mit einem kleinen Rucksack, schon nach ein paar Semestern war daraus ein großer Koffer geworden, gefüllt mit Gelerntem und sonstigen Erfahrungen.

Eine psychologische Studie hat vor einigen Jahren gezeigt, dass der Mensch dazu tendiert, auch in offensichtlich aussichtslosen Situationen weiter auf das falsche Pferd zu setzen. Wurde erst einmal ein gewisses Minimum an Einsatz gebracht, scheint es uns offenbar unvernünftig, ohne nennenswerten Ertrag abzubrechen oder auch nur das Pferd zu wechseln. Ein Prinzip, dass übrigens auch wesentlich zum Erfolg von Glücksspielen beiträgt: wenn sich 50 Jahre Lotto als offensichtliches Verlustgeschäft herausstellen wird Otto Meier gerne noch ein 51. Jahr auf seine Zahlen setzen. Schließlich hat er nun schon so viel investiert, dass es in seinen Augen eine Schande wäre, nun einfach aufzugeben.

Ich glaube, das lässt sich in gewisser Weise durchaus auf das Leben übertragen.
Man muss nicht umkehren wollen, aber die Möglichkeit, es ohne große Verluste tun zu können, kann eine Sache ungeheuer leicht machen. Wobei der Zauber dieses Zustandes sich nicht zuletzt eben gerade dadurch erklärt, dass er so flüchtig ist.

Das Studium in Düsseldorf habe ich übrigens erfolgreich abgeschlossen und bis heute nicht bereut. Trotzdem denke ich hier und bei vielen anderen Dingen manchmal leicht melancholisch an die Leichtigkeit des Anfangs zurück.

In diesem Sinne, frohes Beginnen!

Tagschicht

Tagschichten sind anders. Verglichen mit mancher Nacht kommen zwar nicht unbedingt mehr Leute an die Rezeption, die große Masse davon ist aber nicht betrunken. Statt Hip Hop Verse grölende Gettho-Kids an die Nachtruhe zu erinnern, sieht man die selben 15jährigen nun mit ihren Lehrern von Museum zu Museum pilgern, und zu Schichtende ist es nicht wieder, sondern immer noch hell (gilt zumindest für die Frühschicht).

Andererseits muss man leider sagen: Verrückte gibt es dann doch nicht nur nachts. Ich denke da zum Beispiel an die graugesichtige Frau mittleren Alters, die vorgestern mit schläfrigem, aber deswegen nicht minder dramatischen Blick vor mir stand und darauf bestand, sie würde jetzt sofort ausziehen. Das Zimmer sei gespenstisch und überhaupt: sie sei nicht zufrieden.

Was nun genau nicht stimmte, konnte sie mir nicht sagen, auch ein anderes Zimmer wollte sie nicht akzeptieren. Monoton wiederholte sie in unterschiedlichen Variationen immer die selben seltsamen Argumente, völlig egal, was ich sie fragte. Das Zimmer sei gespenstisch, außerdem sei das ja eh ein Hotel für junge Leute und nicht für sie; sie würde nicht bleiben wollen.

Irgendwann fing sie an, ihr “gespenstisch” auch auf das Treppenhaus auszudehnen. Zugleich begann sie, andere, zufällig vorbeikommende, Gäste eindringlich und mit zischender Stimme vor den jungen Leuten zu warnen. Normalerweise bin ich ja in solchen Fällen recht geduldig, aber an diesem Punkt habe selbst ich aufgegeben.
Wie gesagt, Verrückte gibt es eben nicht nur nachts.

Andererseits gibt es aber auch schöne Erlebnisse. Etwa wenn sich ein zwar anstrengender, aber nicht verrückter Gast bei der Abreise noch einmal für den guten Service und für das nette Gespräch vom Vorabend bedankt – mit einem Händedruck und einer kleinen Geschenktüte (Inhalt: ein T-Shirt, eine Flasche Bier und ein Schokoriegel).

In diesem Sinne, Vorsicht vor den jungen Leuten!

Ol’ Blue Eyes

Die erste Zeile ist die besten des ganzen Lieds:
Start spreading the news, Im leaving today

Eigentlich steckt hier schon alles drin. Abschied, Aufbruch, Neuanfang. Welch großartige Vorstellung, gerade wenn man sich bewusst macht, welche Möglichkeiten nur darauf warten, entdeckt zu werden, irgendwo auf der Welt.
These vagabond shoes, are longing to stray!

Geschrieben hat diese Zeilen Fred Ebb, die Melodie kommt von John Kander. Das war 1977, und eigentlich war New York, New York “nur” eine Filmmusik für den gleichnamigen Film mit Liza Minelli und Robert de Niro. Drei Jahre später hat dann Frank Sinatra den Song aufgenommen. Mit unverwechselbarer Stimme und leicht veränderten lyrics wurde die Hommage an den Big Apple zum Welthit. Ich kann mir nicht helfen, gerade die ersten Takte fesseln mich immer wieder aufs Neue.

Ich liebe New York, aber das ist nicht der Grund. Ebbs Lied war zwar in gewisser Weise eine Liebeserklärung an eine Stadt, letztlich geht es aber um mehr: das Aufbrechen in eine neue Welt, verbunden mit dem festen Vorsatz, es dort zu schaffen. Alles auf eine Karte zu setzen, alles oder nichts.

Eine der größten Freuden des Backpackers ist meiner Meinung nach, jederzeit alles in den Rucksack packen und weiterziehen zu können. Vielleicht nicht immer dem Abenteuer, aber auf jeden Fall der Freiheit auf der Spur. Es kann ein großartiges Gefühl sein, in A die Zelte abzubrechen, B anzuvisieren und schließlich nach einem Umweg über C in doch in D anzukommen.

Start spreading the news, singt Ol’ Blue Eyes, doch nicht nur ihn hat New York zu einem Song inspiriert. Leaving New York, never easy – it’s pulling me apart sang Michael Stipes von R.E.M. vor drei Jahren. Eigentlich ein Trennungslied, die Stadt ist nur der Aufhänger. Trotzdem schon. Schließlich ist jeder Aufbruch, egal woher oder wohin, eine Trennung von irgendwas und/oder irgendwem.

In diesem Sinne, gute Reise!

Traumpfade

Meine kleine Schwester kann ein ziemlicher Dickkopf sein. Es ist schon ein paar Jahre her, und sie war gerade dabei, ihr Abitur zu bauen, da hatte sie sich in den Kopf gesetzt, als Au Pair für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Das war ihr großes Ziel, und selten habe ich sie so engagiert gesehen. Fast im Alleingang hat sie alles organisiert. Eine entsprechende Organisation kontaktiert, sich eine Gastfamilie gesucht usw. Kaum hatte sie ihr Abi in der Tasche, saß sie im Flieger nach New York.

Wieder zurück und nach einigem Hin und Her entschied sie sich dann, eine Ausbildung zu machen. Ich habe ihr bei der Bewerbung geholfen und bin dabei über einen Satz gestolpert: “Nach dem Abitur habe ich mir meinen größten Traum erfüllt: für ein Jahr als Au Pair in die USA.” Ich habe einen Moment darüber nachdenken müssen, ihr dann aber geraten, den Satz zu streichen oder zumindest umzuformulieren. Wie sieht es denn aus, wenn sie ihrem vielleicht zukünftigen Arbeitgeber suggeriert, mit 20 schon alles erreicht zu haben, was sie vom Leben wollte?

Sie hat den Satz dann auch tatsächlich umformuliert, aus dem Kopf gegangen ist er mir trotzdem nicht mehr.
Was, wenn man einen Traum erfüllt hat und noch kein neuer an dessen Stelle getreten ist?
Wie viele Träume braucht man überhaupt?
Muss man vielleicht unterteilen, Langzeitträume, mittelfristige Träume, usw?
Kann man Träume vielleicht sogar züchten?

Gucke ich mir mein eigenes Leben an, war ich bisher ganz gut mit dem Verwirklichen meiner Pläne. So wollte ich zum Beispiel, seit ich denken kann eigentlich, immer mal Fallschirmspringen. Außerdem war mein Ziel, in einen Buchladen gehen und ein Buch von mir kaufen zu können. Beides habe ich mittlerweile geschafft, auch wenn das mit der Buchveröffentlichung so eine Sache ist (ist halt so ein books-on-demand-Ding, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das zählen lasse).
Eines meiner nächsten Ziele ist für ein Jahr durch Südamerika zu reisen. Einen großen Bogen von Bogota über Quito bis runter nach Feuerland, dann wieder nordwärts bis nach Rio, eventuell sogar noch weiter. Zwei Monate mit dem Rucksack durch Argentinien (mit ein wenig Brasilien und Chile) haben mich für den Kontinent begeistert, jetzt will ich mehr.

Es wird sicher noch ein paar Jahre dauern, bis ich diesen Traum verwirklichen kann. Erstmal habe ich ohnehin andere Ziele. Trotzdem bin ich sicher, dass ich das irgendwann tun werde. Daran erinnert mich unter anderem eine Karte, die ich aus einer Laune heraus in mein Notizbuch gekritzelt habe.

Allerdings fürchte ich mich auch ein wenig vor der Verwirklichung dieses Traums.
Was mache ich danach? Oder habe ich dann längst ein neues Ziel in mein Notizbuch gemalt?

Meine stille Hoffnung ist ja, dass sich das Traum-Reservoire, dass es bestimmt für jeden irgendwo gibt, nie ganz erschöpfen lässt. Vielleicht ändert sich das Ausmaß der Träume, vielleicht auch irgendwann die Qualität, aber ganz versiegen wird der Fluss hoffentlich nie.

Meine Schwester hat die Stelle übrigens bekommen, zufrieden war sie allerdings nicht damit. Nach neun Monaten als angehende Reiseverkehrskauffrau hat sie gekündigt. Jetzt sie studiert mit viel Freude an einer großen, hässlichen Uni in Nordrhein-Westfalen. Ein neuer Traum, glaube ich.

In diesem Sinne, viel Erfolg beim Einschlafen und Träumen!

Gutes Taxi, böses Taxi

Es gibt Menschen, die zahlen 30 Euro für ein Taxi und lassen sich von Mitte aus zum Flughafen Schönefeld bringen. Andere wiederum zahlen den selben Betrag und fahren keinen Meter weit. Statt dessen sorgen sie dafür, dass ich bei der Nachtschicht wieder mal von einem Polizeieinsatz unterhalten werden.

Fünf Mexikaner, allesamt recht anstrengend, wollen zum Bahnhof und bestellen sich für kurz nach drei Uhr morgens ein Taxi. Das steht dann auch pünktlich um 3:15 Uhr in der Einfahrt. Weniger pünktlich die fünf Mexikaner. Sie bräuchten noch einen Moment, müssten noch was im Internet raussuchen. Der Taxifahrer nickt geduldig.

Es wird 3:30 Uhr. Mittlerweile haben die fünf Reisenden ihr Gepäck im Kofferraum des Minivan verstaut. Sie bräuchten allerdings noch ein paar Minuten. Der Taxifahrer erinnert vorsichtig daran, dass auch während des Wartens der Taxameter liefe. Die Mexikaner surfen im Internet.

3:40 Uhr. Der Taxifahrer stellt die Mexikaner vor die Wahl: entweder es geht jetzt los oder er haut wieder ab. Für die Wartezeit bekäme er 15 Euro, so oder so. Die Mexikaner diskutieren, kommen zu dem Schluss, dass sie noch einen Moment bräuchten. Der Taxifahrer beginnt das Gepäck wieder auszuladen.

3:50 Uhr. Der Taxifahrer weist darauf hin, dass er die Mexikaner sie nun nicht mehr zum Bahnhof fahren würde. Auf das Geld für die Wartezeit besteht er. Die Mexikaner sind sauer, schimpfen und verlangen nach einem neuen Taxi. Der Taxifahrer schimpft ebenfalls und verlangt nun 20 Euro.

3:55 Uhr. Aus 20 Euro sind 25 Euro geworden, die Mexikaner beschließen, die 15 Euro von 3:40 Uhr zahlen zu wollen. Der Taxifahrer wedelt mit seinem Handy und droht mit der Polizei. Die kommt um kurz nach 4 Uhr. Zwei Polizisten, von denen einer auf der Seite des Taxifahrers ist, der andere auf der Seite der Mexikaner. Beide wirken ratlos. Ich übrigens auch. Keiner mag meine Vermittlungsvorschläge. Der Taxifahrer verlangt 30 Euro.

4:10 Uhr. Der eine Polizist erzählt von einem Spanienurlaub, bei dem er Taxi gefahren ist. Der andere kann zur Überraschung seines Kollegen spanisch sprechen. Keine Lösung in Sicht. Der Taxifahrer beginnt arabische Kraftausdrücke zu benutzen.

4:20 Uhr. Die Mexikaner bezahlen 30 Euro und bestellen ein neues Taxi. Der Taxifahrer stellt eine Quittung aus und droht den Fünf mit Schlägen bevor er verschwindet. Die Mexikaner haben Angst und verlangen nach der Polizei. Ich beruhige sie mit einem Zettel, auf den ich groß 110 schreibe.

4:30 Uhr. Die Mexikaner, die Polizisten und auch der Taxifahrer sind ihrer Wege gegangen. Ich habe endlich meine Ruhe und kann mich dem überlaufendem Email-Posteingang widmen. Brauche weder Kredit noch Penisvergrößerung, verschiebe daher fast alle Mails in den Spam-Ordner. Beginne damit, mich auf den Feierabend zu freuen.

8:00 Uhr. Fahre nach Hause.
Mit der Bahn, nicht mit dem Taxi.

In diesem Sinne, frohe Kreisfahrt!