Begrillter Bürgersteig

Es gibt eine ganze Reihe Dinge, die ich an Berlin großartig finde, nicht immer ist es das Wetter. Heute zum Beispiel zog ein so heftiges Gewitter über die Stadt hinweg, dass gleich zwei U-Bahnhöfe am Nachmittag “wegen Überflutung” zeitweise gesperrt werden mussten. Nicht nur das: Jörgs Geburtstag, als Grillfest im Volkspark Friedrichshain geplant, wurde ebenfalls vorsorglich nach drinnen verlegt.

Weil nun aber Grillen in der Küche auch bei geöffnetem Fenster und im dritten Stock nicht so schön ist, und der Himmel abends um acht auch schon fast wieder völlig blau war, wurde improvisiert. Decken, Salate, Fleisch, Bier, usw. wurden kurzerhand auf den Bürgersteig befördert, der Grill ebenfalls dort zusammengebaut und die Party so binnen Minuten aus der WG ins Freie in eine Seitenstraße der Frankfurter Allee verlegt.

Das ist es dann, was mich sofort wieder mit Berlin versöhnt. In welcher anderen Stadt kann man nicht nur den Holzkohlegrill auf dem Bürgersteig aufstellen, sondern wird dann nicht mal schief dabei angeguckt. Abgesehen von einer etwas grimmig drein schauenden Dame fortgeschrittenen Alters blieb es beim freundlich gewünschten “Guten Appetit” und Sätzen wie “Verdammt, und wir sind extra zur Dönerbude gegangen”. Da verzeihe ich Berlin auch gerne den einen oder anderen Gewitterschauer.

In diesem Sinne, guten Appetit!

Zwischenwelten

Es war noch dunkel, als ich heute morgen aufgestanden bin. Ich habe geduscht, Kaffee getrunken und schnell die Zeitung überflogen, um kurz vor sechs stand ich am Check In Schalter der British Airways am Flughafen Tegel. Nicht um selber weg zu fliegen (leider), sondern um eine Freundin zu verabschieden, die heute für ein Jahr nach Brisbane, Australien, fliegt.

Ein komisches Gefühl. Ich mag Flughäfen, selbst Tegel, der ob seiner Größe und wegen seines komischen Rund-Designs nicht so ganz diese ganz eigene Flughafenatmosphäre zu vermitteln mag wie etwa Frankfurt oder Heathrow. Am Abschied selber ändert das freilich wenig (außer vielleicht, dass man sich nicht so lange suchen muss), und Abschiede sind eigentlich immer doof.

Als ich gereist bin, habe ich beinahe jeden Tag irgendwen verabschiedet. Manchmal bewusst, manchmal sogar mit Tränen in den Augen, dann wieder eher nebenbei. Man traf jemanden, hatte einen schönen Tag oder auch nur Abend zusammen, vielleicht reiste man auch eine Weile gemeinsam, weil man sich sympathisch war oder auch einfach weil man die selbe Route hatte und irgendwann trennte man sich eben wieder.

Ich erinnere mich an eine Deutsche, der ich in Australien bei beinahe jeder Bus-Etappe zwischen Brisbane und Cairns begegnet bin. Geplant war das nicht, wir hatten einfach zufällig ein Ticket der selben Busgesellschaft und offenbar ein ähnliches Reisetempo, trotzdem war es jedes Mal schön, wenn wir uns am Busstopp oder im Bus getroffen haben. Sie ist dann irgendwann weiter gen Norden, während ich von Cairns aus zurück nach Sydney geflogen sind. An einen richtigen Abschied kann ich mich nicht erinnern. Wir sind auseinander gegangen wie nach all den anderen Etappen auch, irgendwie wohl in dem gewohnheitsmäßigen Glauben, dass wir uns schon wieder über den Weg laufen würden.

Anders war es, als ich mich in Buenos Aires von der in “Meine Stadt” beschriebenen argentinischen Australierin verabschiedet habe. Ich habe sie zum Bahnhof gebracht, denn sie wollte mit dem Zug weiter zu einer Tante, ich selber bin dann alleine zum Busbahnhof, von wo ich nach Chile gefahren bin. Ich glaube, ich habe mich auf der ganzen Reise nie wieder so einsam gefühlt wie in dem Moment, als Samantha alleine in diesen Zug gestiegen ist.

Ich weiß nicht, wie Anja sich gefühlt hat, als sie alleine durch die Passkontrolle in Richtung Gate gegangen ist. Bei mir mischt sich in solchen Momenten, wenn man plötzlich auf sich gestellt ist, meist die Abschiedsmelancholie recht schnell mit der Freude auf das Neue, das der Abschied ja meist nach sich zieht. Man lässt das eine hinter sich, um Platz zu schaffen für etwas Neues, was ja in Anjas Fall sogar ein lang gehegter Traum ist.

Dennoch fällt das Loslassen natürlich schwer. Vielleicht auch, weil man sich beim Abschied nehmen in gewisser Weise immer zwischen den Welten bewegt. Man hat das Alte schon hinter sich gelassen und ist noch nicht beim Neuen angekommen. Ein Mensch, der geht, hinterlässt zunächst eine Lücke, die erst nach und nach von anderen Menschen neu gefüllt werden kann (wobei ich wert auf die Feststellung lege, dass es sich dabei nicht um ein Ersetzen handelt!). Andererseits: was wäre das Leben ohne Abschiede? Das Aufgeben des Altbekannten verbunden mit dem Sprung ins neue Ungewisse ist schließlich auch immer eine Chance und nicht jeder Abschied ist automatisch endgültig. Samy habe ich drei Monate später und gut 10.000 Kilometer weiter in Brisbane wieder getroffen. War nicht das selbe, aber schön.

In diesem Sinne, frohes Verabschieden!

Völkerverständigung

Dann und wann klaffen Idee und Realität weit auseinander, so auch heute. Die Idee war ein Spaziergang im Treptower Park mit Anja, Realität wurde ein Spaziergang im Park mit Anja mit anschließendem deutsch-französisch-israelisch-japanischem Völkerverständigungsgrillen am Flutgraben in Treptow.

Aber von vorne:
Nachdem mein Nachbar sich am am frühen Sonntag- Nachmittag wieder mal zum fröhlichen Hämmern entschied (vielleicht ist er doch Bildhauer? Oder Hammer- Tester??) war ich trotz Nachtschicht recht früh wach. Immerhin, ich wurde von meinem Handy mit ein einem fröhlich aussehendem, kleinem, gelben Briefumschlag begrüßt: SMS von Anja; ob ich, entsprechende Wachheit vorausgesetzt, Lust auf einen Spaziergang im Treptower Park hätte.

Gesagt getan: nach Frühstück, Zeitung und einer Viertelstunde S-Bahn spazierten wir also bei strahlendem Sonnenschein und umzingelt von unzähligen anderen Spaziergängern, Joggern und Fahrradfahrern und komischerweise keinem einzigen Inline-Skater an der Spree entlang (Fotos). Eine gute halbe Stunde dauerte der Weg zur Insel, vorbei an den mit lautem 90er Jahre Technopop beschallten Biergärten und unzähligen Sonnenanbetern in Richtung Insel. Hat sich fast ein wenig wie Urlaub angefühlt.

Gegen sieben dann Anruf von Clementine, einer in Berlin lebenden Französin: um halb acht Grillen am Flutgraben beim Schlesischen Tor, also ganz in der Nähe. Ob wir Lust hätten. Ursprünglich hatte ich ja nach spätestens zwei Stunden wieder nach Hause fahren wollen, schon weil ich noch auf einen Anruf respektive Verabredung mit einer bestimmten Person gehofft hatte, andererseits war eben dieser Anruf noch nicht gekommen und das Handy hatte ich schließlich dabei – und verschwinden würde ich schließlich jederzeit können. Also Grillen.

Zwanzig Minuten später trafen wir also Uri, einen lustigen Israeli und derzeitiger Wahl-Berliner, am Flutgraben nahe dem Schlesischen Tor. Wenig später kamen auch Clementine, der Deutsche Gerd, dessen japanischer Freundin und, nach und nach, eine ganzer Reihe anderer Grillwilliger und ca. eine Millionen Moskitos dazu. Es wurde angestoßen, gegessen und geredet.

Und auch wenn der Abend seinem durchaus improvisierten Charakter treu blieb – es gab keinen Flaschenöffner für den Wein, wir mussten uns das Feuerzeug zum Entzünden der Grillkohle von einem vorbei kommenden Fremden leihen, und insgesamt gab es für elf Personen nur zwei, später nur noch ein Weinglas (dafür reichlich Flaschenbier) – Spaß hat es gemacht! Nebenbei war es zudem ein wahrlich internationaler Abend. Umgangssprache war zwar englisch, nichts desto trotz wurde je nach Grüppchenbildung ein recht spontaner Mix aus deutsch, englisch, französisch und hebräisch, manchmal auch alles gleichzeitig gesprochen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: ich hatte viel Spaß!
Immer wieder schön, wenn sich aus einem scheinbaren Nichts plötzlich etwas richtig schönes ergibt. Oder etwas völlig verrücktes. Aber das ist eine andere Geschichte, die dann eher mit der Rückfahrt via U1 und M10 zusammen hängt.

In diesem Sinne, Geduld ist auch eine Tugend!

Pfandvortrag

Ich denke, ich werde demnächst Vorträge halten. Diavorträge, wahrscheinlich. Und weltweit, natürlich. Muss das noch mit meinem Chef absprechen, aber ich denke, das geht schon in Ordnung. Thema des Vortrags wird “Flaschenpfand” sein. Da bin ich mittlerweile richtig gut drin. Naja, kein Wunder, habe das ja auch die ganze Nacht über geübt.

Klar ist es schwierig, wird man nicht schon als Kleinkind an Umweltpapier und Mülltrennung gewöhnt und kam nicht mit jedem Lebensjahr auch automatisch eine neue Mülltonne dazu, sei es eine grüne, eine gelbe oder eine lila gepunktete. Ich erinnere mich sogar noch an ein Schulprojekt, bei dem wir eine Woche (oder war es ein Tag) protokollieren sollten, was bei uns im Haushalt weggeworfen wird. Kein Scherz.

Der Durchschnittsbackpacker dagegen hat vermutlich nie so ein Schulprojekt gemacht. Er ist nun mal überfordert, wenn man ich ihn bitte, er möge die leere Flasche samt Pfandmarke zurück bringen, um die 50 Cent Einheitspfand zurück zu bekommen. Die Reaktionen reichen dann in der Regel von lautem Lachen (“Return the empty Bottle? Haha, where is the sense in that?”) über stilles Erdulden (“Mhmpf”) bis hin zu wüstem Schimpfen (“Whoa, I should keep the trash? Are you kidding?”). Das ist dann der Punkt, an dem ich zu meinem Vortrag ansetze (“Recycling blablabla”).

Doch nicht nur das Flaschenpfand bereitet offenbar Probleme, auch mit dem Lesen scheint es so eine Sache. An dem Kühlschrank gegenüber der Rezeption hängt vom frühen Abend an ein Schild, auf dem die Leute in mehreren Sprachen gebeten werden, ihre Getränke doch bitte in der Hostelbar zu kaufen statt bei mir an der Rezeption.

Das ist nicht etwa Schikane, sondern hat durchaus einen Sinn: wenn nämlich gerade drei Anreisen vor mir stehen, die gerne einchecken würden, zusammen mit fünf oder sechs Backpackern, die sich von mir Hilfe bei der Auswahl des passenden Kneipenviertels inklusive Clubempfehlung versprechen und, schüchtern im Hintergrund, eine kleine Koreanerin in Tränen ausbricht, weil auf ihrem Bett im Mehrbettzimmer plötzlich ein fremder Rucksack steht, kurz: wenn ich gerade ohnehin alle Hände voll zu tun habe, dann kann es schon anstrengen, wenn im Hintergrund jemand an der Kühlschranktür rüttelt und über die Köpfe des eben aufgezählten Pulks nach drei Bier, zwei Coke und fünf Fanta verlangt.

Allerdings ist das noch harmlos. Vor einiger Zeit kam nachts um zwei ein Mexikaner mittleren Alters zu mir und verlangte einen Adapterstecker für seinen Rasierer von mir. Grundsätzlich nicht mal ein Problem, haben wir da. Nur waren just in der Nacht alle Adapter verliehen. Seine Reaktion: dann möge ich doch jetzt, um zwei Uhr morgens, mal schnell alle Zimmer aufschreiben, in denen ebenfalls Mexikaner wohnten, er würde dann losgehen, die wecken und nach einem Adapter fragen.

Oder heute: kommt ein junger Engländer zu mir und verlangte sofort eine neu Schlüsselkarte zu bekommen, da er seine verloren hätte. Als ich ihm erklärte, dass ich ihm für die Karte leider zwei Euro berechnen müsste, war er nicht nur sauer, er versuchte sogar kurz darauf noch, mir eine Flasche Wasser zu klauen. Nicht mal den Pfand wollte er bezahlen … Er sollte unbedingt meinen Diavortrag besuchen.

In diesem Sinne, frohes Mitschreiben!

Zuhören und selber reden

Vorgestern habe ich alleine in einem Cafe um die Ecke gesessen und ein Bier getrunken. Obwohl schon nach zehn war es noch verhältnismäßig warm und ich konnte draußen sitzen. Besonders voll war es in dem Cafe nicht, außer meinem Tisch waren vielleicht noch drei oder vier weitere Tische besetzt. Unmittelbar vor mir saßen zwei junge Frauen, beide Mitte bis Ende 20 also mein Alter. Die beiden unterhielten sich angeregt und ziemlich laut. Obwohl ich eigentlich zum Schreiben in das Cafe gekommen war, konnte ich nicht anders, als dem Gespräch zuzuhören.

Eigentlich ging es um ganz banale Dinge: wer gerade mit wem im Bekanntenkreis, berufliche Perspektiven usw. Eine der beiden hatte sich zudem offenbar gerade selbständig gemacht, eine Art Galerie oder so etwas, und bestritt den größten Teil des Gesprächs. Sie erzählte von der Renovierung des Ladenlokals, vom Freund, der ihr geholfen hatte und von den Ideen, die sie für ihren Laden hatte. Die andere, wenn sie denn zu Wort kam, erzählte im Gegenzug von ihrem Leben, einem geplanten (oder bereits gemachten?) Wochenendtrip und von der komplizierten Beziehung einer gemeinsame Bekannte.

Wie gesagt, an sich ein ganz banales Gespräch. Was mich ein wenig erschreckt hat war nur, wie sehr die Beiden aneinander vorbei geredet haben. Keine der beiden schien sich mit mehr als mit einem halben Satz auf das zu beziehen, was die andere gesagt hatte. Statt dessen schienen beide die Antwort der jeweils anderen immer nur als lästige, aber eben notwendige Unterbrechung des eigenen Erzählflusses zu begreifen.

Ich fand das in dem Moment furchtbar traurig, denn die beiden Frauen schienen mir eigentlich recht gute Freundinnen zu sein. Dennoch unterhielten sie sich offenbar nur miteinander, um möglichst viel von den eigenen Gedanken mitzuteilen. Dabei dürfte doch das, was sie so unbedingt erzählen wollten, ihnen selbst doch schon bekannt sein – die Gedanken der jeweils Anderen dagegen zumindest partiell neues Gedankengut enthalten.

Noch trauriger wurde ich aber, als ich irgendwann angefangen hab, mich selber und meine Umgebung zu hinterfragen. Ich weiß, dass ich auch gerne und oft auch viel rede (obwohl ich mir dennoch einbilde, im Großen und Ganzen auch gut zuhören zu können); in dem Moment kam es mir allerdings so vor, als würde ein Großteil der zwischenmenschlichen Kommunikation, nicht nur zwischen diesen beiden Frauen, sondern insgesamt, letztendlich auf eitler Selbstdarstellung beruhen. Jeder unterhält sich, um seine Gedanken mitzuteilen, nicht um die des anderen zu hören.

Warum ist das so?
Ich habe unter anderem Kommunikationswissenschaften studiert, sollte also zumindest die eine oder andere Theorie aus dem Ärmel oder zumindest aus einem alten Ordner schütteln können, die dem Ganzen trotzdem einen Sinn und eine Notwendigkeit gibt. Leider will mir partout nichts einfallen. Ja schlimmer noch, bei genauerer Betrachtung handelt es sich ja auch bei diesem Blog um nichts anderes: ich teile mit, was ich ohnehin schon weiß und freue mich dann, wenn ich sehe, dass jemand liest, was ich mitteilen will (obwohl mir das Schreiben freilich beim Denken und somit beim Sortieren des Wissens hilft und ich mich auch über jeden Kommentar freue).

Als ich das Cafe nach gut zwei Stunden wieder verlassen habe, orderten die beiden Frauen gerade noch eine Runde Getränke. Dabei redeten sie weiter miteinander ohne einander wirklich zuzuhören. Ich dagegen hatte außer Sätzen wie “ein großes Pils bitte” und “kann ich noch eins haben” den ganzen Abend über gar nichts gesagt. Dafür hatte ich nur zugehört. Auch mal schön.

In diesem Sinne, frohes Lauschen!

Werbebesuch

Vermutlich war es unhöflich, und ein wenig tut mir der Mann sogar leid. Altmodische Brille, angegraute und für seine Frisur eindeutig zu lange Haare über einem irgendwie traurigen Gesicht. Dazu ein schlecht sitzender Pullover von nicht definierbarer Farbe und eine abgewetzte Aktentasche aus braunem Leder. Hätte er woanders vor mir gestanden, vielleicht hätte ich ihm sogar zugehört.

Aber er stand nun mal nicht woanders vor mir, sondern schon halb in meiner Wohnung. Zusätzlich zum mehrfachen Klingeln hatte er eine Weile recht penetrant gegen die Tür gehämmert und dabei irgendwas gemurmelt, dass ich durch das Holz nicht verstanden hatte. Nun stand er also vor mir, nuschelte kurz seinen Namen (irgendwas mit Z), nannte keine Firma, wollte aber wissen, ob ich Festnetztelefon und Internet nutzen würde. Noch während er fragte, begann er einen Zettel und einen Kuli aus der Aktentasche zu ziehen. Zugleich fing er an, sich langsam in meine Wohnung zu schieben.

Ich weiß nicht, ob er meine Antwort (“Das geht Sie nichts an”) noch gehört hat, denn ich habe die Tür sofort wieder zu gemacht. Es nervt einfach!

Eine Weile hatten sie die Verteiler von Werbeprospekten auf meine Klingel eingeschossen, wohl nachdem ich einmal, Besuch erwartend, aufgedrückt hatte, ohne zuvor die Gegensprechanlage zu benutzen. Das war schon deshalb ärgerlich, weil ich so regelmäßig geweckt wurde, wenn ich nach der Arbeit tagsüber geschlafen habe – und das für einen Prospekte, den ich ohnehin direkt in den Mülleimer direkt neben dem Briefkasten verfrachtet habe. Mittlerweile reagiere ich überhaupt erst beim zweiten Klingeln und werde seitdem meist verschont. Zumindest von den Prospektverteilern.

Anders ist da die Frau, die mit ihrer kleinen Tochter dann und wann vorbei kommt und die Müllcontainer im Hof durchsucht. Manchmal findet sie ein paar alte Schuhe oder eine weggeworfene Jacke, die sie dann in eine für ihre Körpergröße viel zu große Tasche stopft und wahrscheinlich auf dem Flohmarkt am Mauerpark weiter verkauft. Sie drückt immer gleich auf mehrere Klingeln gleichzeitig und erwischt dabei dann und wann auch meine.

Sehr schön ist es auch vor den Schönhauser Allee Arcaden – bei mir nebenan und eine sehr beliebtes Revier für Flyerverteiler jeder Couleur: Tierschützer, Menschenschützer, Zeitungsverteiler (Tagesspiegel, Berliner, manchmal auch FAZ und Süddeutsche), Mobilfunkverträge, ein Leierkastenmann, Mittwochs ein Blutspendebus und vor einiger Zeit sogar so eine Art Sekte, zusammen gut 15 Leute, die enthusiastisch einen Kanon sangen, während zwei von ihnen geschickt leicht versetzt stehend Passanten ansprachen und sich freundlich nach Gott erkundigte. Da half nicht mal Slalom-laufen: Entging man dem ersten Kerl, rannte man dem zweiten auf jeden Fall in die Arme.

Kurz: Der Weg zur Tram oder in den Kaisers kann so zum echten Hindernislauf werden. Andererseits ist das nun mal Berlin und ich erinnere mich, dass es in der heißen Phase des letzten Bundestagswahlkampfes noch schlimmer war (“Das Merkel verhindern” schallte es einem da zumindest in Kreuzberg an jeder Ecke entgegen; an sich ein nachvollziehbares Anliegen, aber auf Dauer auch irgendwie nervig). Zudem muss ich ja zugeben: auch ich werbe jetzt, wie Ihr an dem Kasten unterhalb der Linkliste (rechts) sehen könnt. Ich hoffe, Ihr seht es mir nach. Chorgesang und das gegen Eure Türen hämmern werde ich mir jedenfalls verkneifen.

In diesem Sinne, frohes Anzeigenlesen!

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