Monthly Archive for August, 2007

Wer bist Du?

Im letzten Monat wurde diese Seite ungefähr 700 Mal aufgerufen. Das ist nicht viel, vergleicht man mein Blog mit Seiten wie Spiegel-Online, dass allein pro Tag auf 2,3 Millionen Besuche kommt (dafür beträgt die durchschnittliche Verweildauer pro Tag und Nutzer dort auch nur etwas über eine Minute, hier sind es fast acht Minuten – immerhin). Trotzdem ist es eine Menge, wenn ich mir vor Augen halte, dass es ja hier letztlich um nichts anderes geht als um mich und meine Gedanken.

Manchmal frage ich mich daher: wer bist Du, der dies jetzt liest?
Kenne ich Dich? Kennst Du mich? Wie bist Du auf meine Seite gekommen, was hat Dich hier gehalten?

Klar, von einigen Leuten weiß ich, dass sie regelmäßig hier vorbei gucken. Ich kenne die meisten, die hier schon Beiträge kommentiert haben. Von einigen anderen Freunden weiß ich, dass sie immer mal wieder vorbei schauen, ohne zu kommentieren – nicht selten hat mich das Gespräch mit ihnen sogar zu einem Eintrag inspiriert. (Nichts desto trotz bin ich manchmal verwirrt, wenn ich auf Dinge angesprochen werde, die ich schreibe.)
Doch wer sind die Anderen? Die Seitenstatistik hat bislang etwas über 200 verschiedene Besucher identifiziert. Ich glaube nicht, dass ich jeden davon persönlich kenne.

Ich gebe zu, auch ich lese recht regelmäßig in verschiedenen Blogs. Nicht alle der Leute, die da schreiben, sind direkte Bekannte von mir. Einige kenne ich über Freunde, weil die mir die Seite mal empfohlen oder verlinkt haben, andere habe ich einfach zufällig entdeckt.
Es ist komisch, wenn man jemanden eigentlich nicht kennt, weil man einander nur ein oder zwei Mal flüchtig begegnet ist, vielleicht einander nur vorgestellt wurde, und doch in gewisser Weise am Leben dieser Person teilnimmt.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Miterleben!

Entscheidende Momente

In dem Film “Back to the Future II” gibt es eine Szene, wo der Erfinder der Zeitmaschine, “Doc” Emmet Brown sagt, das Jahr 1955 scheine ein besonderes Jahr auf dem Zeitstrahl zu sein: eine Art Weiche oder so. Entsprechend haben Ereignisse, die in diesem Jahr ihren Anfang nehmen, sowohl im ersten als auch im zweiten Jahr der Trilogie entscheidenden Einfluss auf das Leben des Protagonisten, Marty McFly.

Einmal ist sein Existieren als solches bedroht, da seine Mutter sich in ihn, statt in seinen Vater verliebt – letztlich steht also sein Geburt auf dem Spiel und er beginnt sich aufzulösen.
Ein anderes Mal motiviert Marty seinen zukünftigen Vater George dazu, sich ein erstes Mal gegen die Gängeleien von Rowdy Biff durchzusetzen. George erlangt damit ein solches Selbstbewusstsein, dass sein gesamtes Leben einen anderen Verlauf nimmt. Marty kehrt in die Zukunft und in andere (bessere) Familienwelt zurück, in der nicht nur seine Eltern plötzlich erfolgreich sind, sondern er nebenbei noch einen netten SUV fährt.
Erstmal. Denn dann wieder ruiniert ein aus der Zukunft nach 1955 gebrachter Sport-Alamach diese Zukunft wieder. Besagter Biff bekommt dieses Buch von seinem Ich aus der Zukunft geschenkt und schwingt sich mit gewonnen Sportwetten zum Multimillionär auf und heiratet Marty’s Mutter.

Mal abgesehen von den offensichtlichen logischen Schwächen der “Back to the Future”-Reihe frage ich mich manchmal, ob es wirklich solche Momente der Entscheidung gibt. Kann etwa eine verpasste S-Bahn die eigene Richtung in der Welt auf den Kopf stellen?
Um ehrlich zu sein, ich habe keine Antwort darauf.

Gucke ich zurück, kann ich jede Menge von Zufällen und Kleinigkeiten ausmachen, die letztlich weit reichende Folgen hatten. Andererseits – vielleicht wäre ich ohne diese Dinge auf anderen Wegen ebenfalls dort angekommen, wo ich jetzt bin (oder zumindest an ähnlicher Stelle). Weil die Grundrichtung eben doch meist die gleiche gewesen wäre.

Aber man muss ja nicht immer gleich so absolut denken: gehen wir doch eine Stufe nach unten. Ich sitze am Telefon und überlege, ob ich eine bestimmte Person anrufen soll. Wir stehen am Anfang von etwas, das vielleicht eine Beziehung werden könnte, kennen uns aber noch nicht so gut, dass das völlig unbefangen von sich geht.

Ich sitze also vor meinem Telefon: Ich will nicht zu aufdringlich sein und sie gleich verschrecken. Schließlich weiß ich selbst, wie anstrengend (und abschreckend!) zu sehr klammernde Menschen sein können. Rufe ich sie jetzt an ist das vielleicht der Tropfen, der die Waage in Richtung “klammern” schwenken lässt und sie wendet sich ab.

Andererseits hat das zwischen uns in den letzten paar Tagen merklich an Fahrt gewonnen. Wir verstehen und mögen uns, sind aber eben beide keine ganz einfachen Menschen. Warte ich mit dem Anruf zu lange, riskiere ich vielleicht das, was wir aufzubauen angefangen haben. Sie ist intelligent, witzig, hübsch – ich bin definitiv nicht der einzige, der an ihr interessiert ist. Mache ich mich zu rar, verliere ich sie möglicherweise an einen meiner sicher zahlreichen Nebenbuhler.

Je länger man über so etwas nachdenkt, desto mehr Bedeutung scheint dieser eine Anruf zu haben. Oder?

Vielleicht ist es ja ganz egal, so lange die Richtung stimmt. Vielleicht gibt es so etwas wie Schicksal und je nachdem ob ich anrufe dauert es nur etwas länger oder eben kürzer, bis wir zusammen finden?

Und wenn nicht: vielleicht ist es trotzdem egal, denn egal welche Abzweigungen man im Leben nimmt, man kann nie sicher sein, wie es gewesen wäre, hätte man den anderen Weg gewählt. Ganz zu schweigen davon, dass es ja unendlich viele Wege und Kreuzungen gibt – das Leben ist schließlich voll von Mini- und Mikroentscheidungen, die einzeln oder kumuliert ihren Beitrag zum großen Ganzen leisten.

So oder so, jede Entscheidung für etwas ist zugleich eine Entscheidung gegen etwas anderes. Manchmal ist das offensichtlich, aber längst nicht immer. Dann kann man nur spekulieren, wo man gelandet wäre, hätte man sich an dieser oder jener Stelle anders entschieden.

In diesem Sinne, frohes Entscheiden!

Wahlweise

Was, wenn wir es vorher gewusst hätten, worauf wir uns einlassen? Wenn wir die Wahl gehabt hätten. Wenn jemand uns vorher eine Broschüre in die Hand gedrückt hätte, in der alles drin gestanden hätte, auf Hochglanzpapier wohlmöglich. Auf der letzten Seite dann zwei Felder: “Ja” und “Nein”. Wo hätten wir unser Kreuz gemacht?Im Leben gibt es immer wieder Momente, wo man das Eine gegen das Andere abwägen muss. Entscheidungen, wo man sich überlegen muss, ob der Gewinn den Einsatz rechtfertigen wird. Wähle ich den Abenteuerurlaub, bei dem ich genau weiß, dass nicht alles nach Plan laufen wird? Akzeptiere ich lauter Unbekannte, hoffe aber darauf, dass neben dem Überwinden derselben genug Schönes abfallen wird?

Zwar verspricht der bunte Prospekt ein unvergessliches Erlebnis, aber vielleicht fühle ich mich ja auch so ganz wohl. Warum soll ich mir das also antun?

Nennen wir den Abenteuerurlaub Leben.
Bevor wir auf die Reise geschickt werden, kriegen wir einen bunten Prospekt in die Hand gedrückt. Lauter bunte und vielversprechende Bilder, vermutlich auf Hochglanzpapier gederuckt. Dazu jede Menge Kleingedrucktes. Wir würden lieben, heißt es da, große Momente des Glücks erleben, tolle Dinge sehen und erleben, garantiert. Es gäbe so viel Tolles zu erleben, wir müssten nur wollen!

Allerdings wäre nicht alles schön. Das Leben, so heißt es auf Seite 2, sei eben nicht nur ein Zuckerschlecken. Herbe Rückschläge würden uns erwarten und großer Schmerz. Viele Ängste, die uns quälen werden, das Verlassen werden, Rückschläge ertragen und allerlei anderes unschönes Zeugs.
Es sei nun an uns, sagt der große Unbekannte, ein Kreuz zu machen. “Ja” oder “nein”, nur “vielleicht” is’ nicht. Was würden wir wählen?

Ich glaube, dass man vieles nicht getan hätte, wenn man vorher gesagt bekommen hätte, wie es sein würde. Nicht, dass es letztlich so furchtbar gewesen wäre, die Sache an sich nicht. Wohl allerdings die Beschreibung derselben. Steckt man drin, sehen die meisten Dinge plötzlich ganz anders aus, nicht selten halb so wild, und am Ende ist man froh, sie erfolgreich durchgestanden zu haben.

Hätten wir vorher gewusst, was uns im Leben so alles erwartet, hätten wir uns entschieden, es zu leben?
Oder sind wir, die wir nun mal hier sind, etwa einfach nur all diejenigen, die “ja” angekreuzt haben?

In diesem Sinne, frohes Wählen!

Frauenprobleme

Es fing gegen drei Uhr nachts an. Bewaffnet mit ihrer Bettdecke, einem Kissen und einem grimmigen Gesichtsausdruck stand sie vor mir: “They only bite me, I will sleep here!” (Sie beißen nur mich, ich werde hier schlafen). Dann begann sie, mir ihre Mückenstiche zu zeigen. Ziemlich viele, das stimmte wohl, und an Stellen, nach denen ich bestimmt nicht gefragt hätte.

Zugegeben, woanders hätte mir das vielleicht sogar gefallen, zumal die junge Spanierin recht hübsch war. Aber wie sich die meisten wohl gedacht haben, spielte sich die beschriebene Szene nicht an meiner Wohnungstür ab, sondern am Tresen der Hostelrezeption. Sie ließ sich dann auch recht einfach klären: mit einem Bett in einem anderen Zimmer.

Schwerwiegender schien dagegen die Schwierigkeiten des völlig betrunkenen Bayern, der kurz darauf vor mir stand. Gut genährt und mit breitem, süddeutschen Dialekt erklärte er mir um vier Uhr morgens, er habe ein Problem mit seiner Frau. Lange Kunstpause – ich hoffte auf eine Erklärung. Die blieb aus, also entschied ich mich vorsichtshalber, den guten Mann zunächst mal nicht zu ernst zu nehmen. Statt dessen bot ich ihm an, im Backoffice nachzusehen, ob ich vielleicht noch eine andere Frau da hätte, die er statt dessen haben könnte.

Und tatsächlich: einen Moment schien er ernsthaft darüber nachzudenken. Sollte das die Lösung sein? Dann besann er sich aber anders. Während er sich mit beiden Händen mühsam am Tresen festhielt, intonierte er erneut laut und in merklich gelalltem Bayrisch: “I hoab an Probbblem mit mai Waib!”

Um es kurz zu machen: seine Frau hatte ihn geschickt, ein Handtuch zu besorgen. Das war das Problem. Das war alles!
Zwar versuchte er mich noch eine Weile zu überzeugen, noch ein paar Bier mit ihm zu trinken (“I hoab da nämlich an Probbblem mit mai Waib!”), das war es dann aber auch. Nach gut 20 Minuten wankte er, samt Handtüchern, ohne Bier, zurück in sein Zimmer und zu seiner Problemfrau.

Allerdings war die Nacht da ja noch jung. Zu guter letzt, gegen sechs nämlich, stolzierte ein nicht mehr ganz junger Mann mit interessanter Lockenfrisur ins Hostel. Im Schlepptau: eine schweigende Frau mit schüchternem Gesichtsausdruck und viel zu viel Schminke darüber. In der Hand zwei Rosen. Solche, wie sie auch völlig überteuert in Kneipen verkauft werden.

Sie bräuchten ein Zimmer, nur für ein paar Stunden, erklärte er mir in fließendem Deutsch. Sie seien Araber und im Urlaub hier. Wenn hier nichts mehr frei wäre, solle ich mich doch bitte ans Telefon schwingen und ihnen ein Bett besorgen. Seine Frau sei müde und er auch. Ich dagegen war eigentlich nur verwundert: sind nachts eigentlich alle verrückt? Oder nur wenn ich arbeite?

In diesem Sinne, frohes Wahnsinnen!

Geht nicht (Platzmangel)

Mein Schreibtisch ist zu klein. Ich muss nun echt voran machen mit meiner Master-Arbeit, aus verschiedenen Gründen, doch so geht das nicht. Der Platz reicht einfach nicht.


Vor mir steht der Laptop, links davon der Drucker und ein Stapel Notizzettel. Die sind wichtig, denn ich schreibe mir dauernd irgendwas auf. Dazu: ein halb gefüllter Becher mit Kaffee, Handy und Festnetztelefon, allerlei Bücher und Berge aus Kopien und Notizen, zum größten Teil wild durcheinander weil ich gerade an mehreren Kapiteln gleichzeitig schreibe.

Suche ich etwa die Zusammenfassung von Shearers “Private Armies” muss ich erst Frau Holmqvist, Frau Avant und Herrn Kümmel zur Seite räumen. Brauche ich später wieder eine Zusammenfassung der Werke dieser Damen und Herren, muss Shearer wieder weichen und verschwindet unter P. W. Singer. P. W. brauche ich aber eigentlich ständig und komischerweise hat dieser Mann die Eigenart, sich immer andauernd unter Weber zu verstecken.

Wie gesagt: so geht das nicht. Ich brauche einen größeren Schreibtisch. Oder besser noch: eine Sekretärin. Dann würde mich auch nicht immer wieder das Telefon beim Arbeiten unterbrechen. Außerdem könnte ich sie jetzt bitten, mir noch einen Kaffee aufzusetzten. Weil ich aber keine Sekretärin haben, muss ich das nun selber tun.

In diesem Sinne, frohes Wühlen!

Zeitreisen

Letztens hat in der S-Bahn eine junge Frau neben mir gesessen. Sie hatte einen Stift in der Hand, mit dem sie immer wieder in einer Zeitschrift rumgekritzelt hat. Es war eines dieser bunten Heftchen mit einem Frauennamen auf dem Titel, der neusten Diät auf Seite drei und dem aktuellen Klatsch aus den europäischen Königshäusern am Ende. Dazu ein Psychotest mit einer Frage, die ich leider vergessen hab. Der Frau neben mir schien eben diese jedoch sehr wichtig zu sein. Mit beneidenswerter Inbrunst machte sie, jeweils nach kurzen Denkpausen, ein Kreuz nach dem anderen.

Die junge Frau und ich haben nur kurz nebeneinander gesessen. Ich musste Friedrichstraße aussteigen, sie ist weiter gefahren. Beim Aufstehen ist mein Blick allerdings für einen kurzen Moment an einer der Fragen des Tests hängen geblieben: “Sie können für einen Tag in der Zeit zurück reisen, wen würden Sie gerne treffen?”

Keine Ahnung, warum mir ausgerechnet diese Frage aufgefallen ist. Noch bevor ich die möglichen Antworten gelesen hatte (a-d), schoss mir allerdings als Antwort das Wort “mich” durch den Kopf.
Zugegeben, vermutlich stand das nicht zur Wahl. Trotzdem wäre das doch mal spannend: das eigene Ich in der Vergangenheit, vor fünf, vor zehn oder vielleicht auch vor 20 Jahren zu treffen.
Was würde mir wohl der Felix von früher sagen, wenn ich ihm berichten würde, wie mein Leben bisher verlaufen wäre? Wäre er zufrieden? Enttäuscht?
Was würde ich einem Felix sagen, der aus einer fünf, zehn oder 20 Jahre entfernten Zukunft zu mir käme? Könnte er mir präsentieren, wovon ich jetzt noch träume? Oder wäre ich unglücklich, weil dieses zukünftige ich lange nicht da angekommen wäre, wo ich ihn heute gerne sehen würde?

Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich als Kind immer gedacht habe, wenn ich erstmal erwachsen bin, wird irgendwie alles anders.
Heute stelle ich fest, dass zumindest ich mich im Grunde genommen gar nicht so sehr verändert habe.

Sicher, ich bin älter und wohl auch reifer geworden. Ich habe gewisse Erfahrungen gemacht, bin in vielen Dingen souveräner geworden und habe gelernt, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für mich und mein Handeln zu übernehmen.
Trotzdem merke ich immer wieder, dass gewisse Grundmuster einfach bleiben. Zwar haben sich die Themen gewandelt, trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mich plötzlich fühle wie ein Zehnjähriger.

Ob es der Frau in der Bahn ähnlich geht, weiß ich nicht. Sie hätte am liebsten Marilyn Monroe getroffen.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Zeitreisen!

Happy End

Ich glaube nicht an Happy Ends. Sie können nicht funktionieren.
Nehmen wir einen x-beliebigen Liebesfilm. Eineinhalb Stunden meistern die letztlich vom Drehbuch für einander bestimmten Protagonisten eine Schwierigkeit nach der anderen, bloß um am Ende, meist im Rahmen eines sich dramatisch zuspitzenden Handlungsstranges, doch zu einander zu finden. Und plötzlich ist alles gut? Nein, so einfach ist es nicht!
Der Zuschauer bekommt davon nichts mehr mit, aber wäre es nicht denkbar, dass sich die Beiden schon wenige Wochen später ganz furchtbar in die Haare kriegen? Sei es, weil eine von Beiden zu viel arbeitet, eine Affäre hat, die Zahnpasta-Tube nicht ordentlich zudreht?

Ein echtes Happy End bedürfte eines Endes. Das sagt schon der Name, und gemeint ist dabei nicht bloß der Abspann!

Es gibt eine Geschichte, die von einem alten Bauer erzählt, der mit seinem Sohn einen kleinen Hof bewirtschaftet und gerade so über die Runden kommt. Eines Tages gelingt es dem Sohn, ein wildes Pferd einzufangen und alle Nachbarn beglückwünschen den Bauern. Wenn das Pferd erstmal gezähmt sei, könne er damit einen Pflug über seine Felder ziehen und viel mehr Ertrag daraus ziehen als bisher.
Dann aber bricht sich der Sohn beim Zureiten des wilden Pferdes ein Bein, worauf alle Nachbarn den Bauern bemitleiden: ohne die Hilfe des Sohnes wird er möglicherweise nicht einmal genug erwirtschaften können, um seinen Hof halten zu können.
Dann jedoch zieht Krieg auf und alle wehrfähigen Männer müssen zur Armee. Viele sterben, andere werden ihre Leben lang Krüppel bleiben. Nicht aber der Sohn des Bauern. Wegen des gebrochenen Beines musste er nicht kämpfen und als es vollständig geheilt ist, ist der Krieg längst aus (es war wohl ein komplizierter Bruch).

Happy End?
Die Geschichte hört an dieser Stelle auf. Aber ist deswegen alles gut? Wer kann denn sagen, wie es dem Bauern und seinem Sohn weiter ergeht?

Ein Happy End braucht ein Ende, einen Punkt, von dem es nicht mehr weiter geht, eine Endmarke. Sonst führt immer eines zum anderen und jedes Schlechte kann etwas Gutes und jedes Gute etwas Schlechtes nach sich ziehen.
Schlimmer noch: je nach Perspektive kann was gut für den Einen durchaus schlecht für den Anderen sein. Wer weiß denn, oben eingangs beide Partner aus dem eingangs erwähnten Paar nicht mit jemandem anderen viel glücklicher gewesen wären, der nun statt dessen allein ist?
Darum mag ich Happy Ends nicht! Ich ziehe offene Enden vor.

In diesem Sinne – frohes Beenden … und frohes Anfangen!

Deckel-Gedanken

Angeblich gibt es für jeden Topf einen Deckel. Ich halte diesen Spruch, der natürlich nicht wirklich etwas mit Kochen zu tun hat, für falsch. Es gibt nicht nur einen Deckel. Es gibt mehrere!

Gut, vielleicht gibt es nicht unendlich viele Deckel, manche Deckel passen vielleicht auch besser als andere, aber es gibt bestimmt nicht nur einen. Außerdem: ob ein Deckel passt hat meiner Ansicht nach viel mehr mit dem Topf als mit dem Deckel zu tun.

Das mag nun ganz furchtbar unromantisch klingen, ich glaube trotzdem, dass es so ist. Es kommt nicht irgendwann der oder die Richtige, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen will, sondern meist funktioniert das genau anders herum: potenzielle Partner(innen) kommen und gehen, nur braucht es unter Umständen eine Weile, bis man selber bereit ist, eine(n) davon als passenden Deckel zu akzeptieren.

Das Warten auf Mr. und Mrs. Right ist somit nicht das Warten auf jemand anderen, sondern eigentlich das Warten auf sich selbst. Auf den Moment, an dem man bereit ist, das Suchen aufzugeben und hinzunehmen, dass das sprichwörtliche Gras auf der anderen Seite eben immer einen Tick grüner scheint.

Im Endeffekt geht es also wieder ums Entscheiden:
hinnehmen, dass es irgendwo da draußen vielleicht einen anderen Menschen gibt, der ebenfalls passt, aber dass anders nicht zwangsweise auch immer besser sein muss.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Kochen!

Suffköppe (I)

Als ich noch in NRW gewohnt habe, war meist einer der Dumme: der Fahrer. Stießen die anderen an, durfte er nicht mittrinken (zumindest nichts Alkoholisches), sangen alle lustige Trinklieder, blieb er stumm, und je alkoholgetränkter die Gespräche um ihn herum, desto anstrengender wurde es für den zwangsweise Abstinenten.

In Berlin ist das anders. Der öffentliche Nahverkehr ersetzt für die meisten das Auto. Freitags und Samstags fahren S- und U-Bahn die ganze Nacht über durch, unter der Woche gibt es Nachtbusse. Zwischen den Kneipen und Clubs liegen auch keine Autobahnkilometer mehr sondern höchstens ein paar lästige Tram-Minuten, die mit einem Fahrbier in der Hand schnell vergehen. Nüchtern muss hier keiner bleiben.

Keiner? Fast keiner. Ich schon, ich hatte Nachtschicht. In einer Samstag Nacht ist das so etwas ist wie Fahrerabstinenz hoch zwei. Während das Backpackervolk sich in Berlins Nachtleben stürzt, checke ich die letzten späten Anreisen ein; wenn die ersten Heimkehrer stolz sind, die Glastür vor dem Durchgehen geöffnet zu haben, ermahne ich die besoffene Horde in der dritten Etage sich das laute Singen auf dem Weg ins Zimmer zu verkneifen, und bevor sich die letzten Volltrunkenen zurück ins Hostel schleppen, fülle ich den Kühlschrank mit Nachdurstwasser respektive Einer-geht-noch-Bieren auf.

Zugegeben, oft ist es anstrengend, denn es scheint, als würde der Teil im Gehirn, welcher den Mitteilungsdrang steuert, deutlich mehr Alkohol vertragen als das Sprachzentrum oder der Teil, der fürs Denken allgemein zuständig ist. Während letztere längst im Koma liegen ist ersterer noch bei vollem Bewusstsein und zu 100% im Einsatz. Die Folge sind die komischsten und zum Teil extrem gelallten Geschichten. Trinkt man mit, fällt einem das gar nicht auf, für jeden Außenstehenden ist es einfach nur anstrengend.
Und nicht nur das: mehr als einmal schon hatte ich Leute, die vom PubCrawl (=organisiertes Feiersaufen für Touristen und Hostelangestellte) tatsächlich kriechend zurück ins Hostel gekommen sind. Oder letztlich nicht mal das geschafft haben: die mussten dann von der Polizei hin oder auch vom Notarzt wieder weg gebracht werden.

Das ist das Extrem. So ist es freilich nicht immer. Und eigentlich faszinierend wird es, wenn das bittere Ende eben (noch?) nicht erreicht ist. Wenn der Alkoholpegel noch innerhalb eines Bereichs pendelt, in dem ein Gespräch für den außenstehenden (nüchternen) Beobachter vielleicht anstrengend, für die Involvierten aber irgendwie bereichernd ist. Wo aus Fremden plötzlich Freunde werden, weil das gemeinsame Verdummen aufgrund steigender Promillewerte zusammenschweißt.

Fortsetzung folgt … in diesem Sinne!

Adressbuch

Manchmal kann ich es selber kaum glauben, dennoch habe ich noch eins: ein kleines, schwarzes und vor allem, papierenes Adressbuch. Trotz Handy-Telefonbuch und Email-Verzeichnis. Vier Seiten pro Buchstabe, vollgeschrieben mit den unterschiedlichsten Stiftarten und voll durchgestrichener Nummern und Adressen, die dann mit neuen Nummern und Adressen ersetzt wurden. Oder gar nicht.

Zugegeben, oft nutze ich das Adressbuch nicht mehr. Will ich jemanden anrufen, ist es oft einfacher, entweder direkt das Handy zu benutzen oder zumindest dort die Nummer nachzuschlagen. Briefe schreibe ich oft (nicht immer) mit dem Computer, dank copy und paste lohnt es auch hier nicht, das kleine Schwarze zu bemühen.

Trotzdem trage ich noch immer fast jede Änderung irgendwann altmodisch per Hand in das Adressbuch ein. So mancher bringt es so mittlerweile auf fünf oder sechs Einträge (siehe “Unendliche Möglichkeiten” ).
Manchmal muss ich beim Durchblättern überlegen, zu wem eigentlich dieser oder jeder Name gehört. Auf die Art und Weise wird der Weg von A nach U schnell zu einer Reise in die Vergangenheit. Manch schöne Erinnerung, die plötzlich hochgespielt wird, aber auch viele Fragezeichen, die nach dem Zuschlagen des Büchleins in der Luft hängen können. Warum ist eigentlich der Kontakt mit X abgebrochen? Ob Y immer noch dort wohnt? Wollte ich Z nicht längst mal wieder angerufen haben?

Es kann schon erschreckend sein, wie viele und zum Teil liebe Menschen im Endeffekt ein Leben als sprichwörtliche Karteileichen fristen, weil sich unsere Wege irgendwann einfach getrennt haben, oft, ohne dass es mir in dem Moment überhaupt bewusst gewesen ist.

Ich frage mich, in wie vielen kleinen, schwarzen Büchern ich selber verewigt bin – und in wie vielen davon auch ich den Status der Karteileiche für mich beanspruchen kann.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Blättern!